Guatemala: Der 20. Oktober, Tag der „Revolution von 1944“ & die Indígenas Mittelamerikas 

Als die europäischen Conquistadoren zum ersten Mal an der Küste der Halbinsel Yucatán landeten und mit den Maya in Berührung kamen, fragten sie die Indigenas nach dem Namen des Gebietes. Die Indigenas antworteten: „Ciu than“ (was soviel bedeutet wie: „Ich verstehe Dich nicht“). Die Spanier nannten die Halbinsel in ihrer Einfalt darauf ‚Ciuthan‘, woraus später Yucatán wurde.

Mit dem Sturz einer Reiterstatue des früheren Präsidenten José María Reina Barrios (1892–1898) am Rande des „Tags der indigenen Widerstände“ in Guatemala-Stadt, gewann auch die soziale und indigene Bewegung Guatemalas in den letzten Tagen wieder etwas Aufmerksamkeit in der Weltöffentlichkeit. Der gleichzeitig unternommene Versuch und wohl noch präferierteres Ziel, eine Bronzestatue von Christoph Kolumbus aus den Sockeln zu heben, misslang allerdings. Nichts desto trotz kam die Botschaft der indigenen DemonstrantInnen an.

Die Maya Yukatáns

Die Geschichte der Maya (von der Vorklassik über die Klassik bis zum Untergang der klassischen Hochkultur) sowie die Eroberung der indigenen Hochkulturen und Großreiche ist ausgiebig beforscht und oft im Detail dargestellt worden. Auch in der marxistischen Geschichtsforschung und unter Einbeziehung der neuesten Erkenntnisse.

Dazu gehört die Maya betreffend etwa auch, dass sie gegen Ende ihrer imposanten Spätklassik den größten Teil der tropischen Regenwälder der südlichen Tiefebene Yukatáns abgeholzt hatten und sich zugleich die Zeit der Brache der Felder drastisch verkürzte. Die relativ dünnen Böden verloren daraufhin zunehmend ihre Ertragsfähigkeit. Anstatt dieser Krise allerdings angemessen zu begegnen, verstärkten die herrschenden Oberschichten die Errichtung monumentaler Bauwerke zu Verherrlichung der Götter und Herrschenden und entfesselten kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Stadtstaaten um die Vorherrschaft und knapper werdende Ressourcen. Die – freilich nicht nur ökologischen – Probleme des Gesellschaftssystems der Maya ließen sich auf diese Weise natürlich nicht lösen. Auf längere Sicht verschärften sie stattdessen die Misere vielmehr noch. Schlussendlich brach das System zusammen und die Maya-Kultur ging unter. Die verbliebene Maya-Bevölkerung, insbesondere des südlichen Tieflands, siedelte daraufhin vorwiegen in kleinen dörflichen Gemeinschaften. 

Schon vor diesem Hintergrund – in Parenthese – trug später denn allerdings auch der sogenannte große „Aufstand des Kan Ek“ von Yukatán, in der Tradition Tupaj Catarís, unter Tayasal, trotz seines unvergesslichen Heroismus, unvermeidlich unrealistische und anachronistische Züge. Anders etwa als der Aufstand des Tupac Amaru II. und dessen soziales Programm wie anvisierte Kampffront – was für den hiesigen Zweck jedoch zurückgestellt bleiben kann.

Guatemala: eine Geschichte aus US-unterstützten Militärputschen – Guerillakrieg – und genozidalem Massaker an den Indígenas

Auch der 36jährige guatemaltekische Bürgerkrieg 1960 – 1996 mit seinem blutigen Höhepunkt in den 1980er Jahre,  kann hier nur in Siebenmeilenstiefeln in Erinnerung gerufen werden.Der Guerillakampf entzündete sich zunächst gegen den 1954 von den USA, der CIA und einheimischen Eliten organisierten Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung von Jacobo Árbenz (Nachfolger des ersten Präsidenten der „Revolution von 1944“ Juan José Arevalo) und die anschließende Diktatur von Carlos Castillo Armas. Die CIA und die vor der „Revolution von 1944“ allmächtige United Fruit Company organisierten für diesen Staatstreich eine eigene Söldnerarmee die ins Land einfiel.Sogleich wurde unter der neuen proamerikanischen Militärjunta die KP verboten und die vorherige Agrarreform zurückgenommen, ein zügelloser Terror gegen sämtlichen demokratischen Kräfte entfacht, die Landbevölkerung von ihren Parzellen vertrieben und das Land 1956 wieder an die alten Latifundistas sowie die United Fruit Company übergeben.

Gut zweieinhalb Jahrzehntein der guatemaltekischen Epoche mehrerer aufeinanderfolgender von Washington unterstützter Militärdiktaturen später, entfesselte dann das von US-Militärberatern unterstützte Putsch-Regime Ríos Montt 1982/83 seine regelrechtenMassaker und Genozid-Politik. In diesen Jahren weitete die guatemaltekische Militärdiktaturihren schmutzigen Krieg gegen die 1982 zur „Guatemaltekischen Revolutionären Nationalen Einheit“ (URNG) vereinigten Guerilla, in ein einzigen Blutrauschund einen systematischen Völkermord im Hochland Guatemalas aus. Ganze indigene Landstriche, für Montt einzig Verdächtige die Guerilla zu unterstützen, wurden flächendeckend aus der Luft bombardiert, Frauen reihenweise vergewaltigt, Schwangeren von Soldaten die Bäuche aufgeschlitzt und die Föten herausgerissen und zerstückelt.  

Während Zehntausende Indígenas und Kleinbauern und Kleinbäuerinnen diesem Gemetzel und Genozid zum Opfer fielen und Hunderttausende in andere Länder und in entlegenere Gebiete Guatemalas flohen, und die Ermordung Oppositioneller und Gewerkschafter an der Tagesordnung war, nannte sein Washingtoner Regent Ronald Reagan den Schlächter Montt einen Mann „großer persönlicher Integrität und Einsatzbereitschaft“ – gegen die Linke, den Kommunismus und deren subalterne und indigene soziale Basis und AktivistInnen im Hochland – der „zu Unrecht einen schlechten Ruf wegen Menschenrechtsverletzungen“ habe.

Nach Schätzungen, sowie eines nach Ende des Bürgerkriegs veröffentlichten Untersuchungsberichts, forderte der gesamte Bürgerkrieg 250.000 Todesopfer, zählte 45.000 sogenannte ‚Verschwundene‘ und vertrieb 1,4 Millionen Anwohner – die Mehrzahl davon in den Jahren 1982/1983 unter der Junta von Ríos Montt. Nach Friedensschluss in Angriff genommene offizielle guatemaltekische Untersuchungen machen für 93% der Verbrechen die Regierung verantwortlich, nur für 3% die Guerilla und für 4% andere Gruppen.

1996, die Hochzeit der bewaffneten Kämpfe in Lateinamerika war schon des längeren vorbei, endete der Bürgerkrieg mit einem Friedensabkommen zwischen der URNG und der Regierung Guatemalas. Obschon die Verbrechen der guatemaltekischen Eliten, der USA, der Militärs, Paramilitärs und Todesschwadronen trotz genanntem Untersuchungsbericht nie wirklich aufgearbeitet wurden, kamen auch Gerichte nicht umhin, die Massaker der Jahre 1982 und 1983 als Völkermord einzustufen.

Noch einmal zu den wirtschaftlichen Motiven

In zahlreichen Publikationen im Verhältnis zur Aufstandsbekämpfung vielfach zu wenig beachtet an der genozidalen Eskalation des Bürgerkriegs durch die Machthaber Guatemalas, ist allerdings ein von zahlreichen intimen Kennern umso stärker herausgestellter Aspekt:  „Tatsächlich dürfte es den Herrschenden aber vor allem um die Kontrolle der an Bodenschätzen reichen Hochlandregionen gegangen sein. In der Region, in der die meisten Massaker stattfanden, sind heute zahlreiche internationale Bergbaukonzerne an der Ausbeutung der Bodenschätze beteiligt. Das Land befindet sich in den Händen weniger Großgrundbesitzer, nicht selten mit familiären Bindungen zur damaligen Militärclique.“

Entsprechend dieser Verhältnisse führt insbesondere die immer weiter zunehmende Ausbeutung der Bodenschätze zu vielfach harten Konflikten. In vielen Regionen Guatemalas wehrt sich die örtliche Bevölkerung gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Ein Widerstand, gegen den die Herrschenden nicht selten mit brutalen Repressionen vorgehen.

Die Lage der Mayas, der Xincas (Xinkas) und der Garifunas

Und wiewohl die spanischen Eroberer in ihrem kolonialen Wüten viele Maya-Völker nahezu ausgerottet haben, gehören in Guatemala noch heute 42% (bis knapp die Hälfte) der Bevölkerung zu indigenen Volksgruppen, in der Mehrzahl Maya. Zwar hatte man sich mit dem Friedensvertrag unter anderem auch auf eine Stärkung und nachhaltigere Berücksichtigung der indigenen Kultur und eine staatliche Unterstützung für die vielen landlosen Bauern im Land geeinigt. Doch umgesetzt davon wurde nur wenig.  Der Armut, vielschichtigen Exklusion der Mayas, der Xincas oder Xinkas (nicht-maya-sprachige Indígenas), sowie der Garifunas (Nachkommen der Vereinigung ehemaliger westafrikanischer Sklaven und indigener Kariben), dem Ausschluss vom nationalen Reichtum und von politischer Mitbestimmung, der es immer wieder die internationalen Schlagzeilen schaffenden Straflosigkeit, Korruption und grassierenden Gewalt schuf bislang auch die (zumindest) formale Demokratisierung Guatemalas nicht Abhilfe. Zugleich zählt Guatemala seit Langem konstant zu den gefährlichsten Ländern für GewerkschafterInnen und Arbeitende, wenn im Lateinamerika-Ranking in dieser schmählichen Rangliste zuletzt auch von Chile und Ecuador überholt und abgelöst.

Umso wichtiger ist es in eins mit dem Klassenkampf auch, die Plurinationalität Guatemalas – mit seinen zumal 22 Sprachen – in dessen Gepräge zu erkämpfen und die Rechte der indigenen Völker des Landes durchzusetzen. Zumal, wie Carlos Choc, Journalist und Angehöriger der Volksgruppe der Maya Q’eqchi’, in einem aktuellen Interview unterstreicht: „Das Vorgehen gegen die Interessen der indigenen Völker in Guatemala ist erschreckend.“

Der 20. Oktober, der Tag der Revolution von 1944

Und wie alljährlich werden die Gewerkschaften und sozialen Bewegungen auch heute wieder dem 20. Oktober, dem Tag der „Revolution von 1944“, gedenken, in der eine breite Protestbewegung und ein Generalstreik in Guatemala im Juni zunächst die Diktatur von General Jorge Ubico Castañeda hinwegfegte und nach einem bewaffneten Aufstand am 20. Oktober für eine kurze Phase den Weg für eine demokratische Phase öffnete – mit einem einschneidenden sozialen Reformprogramm, Schritten zur Beseitigung des  Analphabetentums und in den ländlichen Gebieten auch tiefgreifender Agrarreform zugunsten der indigenen Kleinbauern und -bäuerinnen.

Denn auch die linken Gewerkschaften stehen für ein plurinationales Guatemala, eine tiefgreifende Agrarreform, den Schutz der nationalen Ressourcen und die Rechte der Indígenas. Darüber hinaus entscheidend aus Sicht der linken Gewerkschaften ist zudem ein sofortiger Stopp der Privatisierungen und die Rückgängigmachung aller erfolgen Veräußerungen im Bereich der Bildung, im Gesundheitswesen und in der Strom- und Wasserversorgung, sowie eine nachdrücklich Demokratisierung des Landes. Parallel ist das Land in eine tiefe Wirtschaftskrise geschlittert, die nicht nur den Arbeitsmarkt weiter zum Erodieren brachte, sondern eine immer schlimmere Unterernährung bis hin zu Hungertoten zur Folge hat.

Foto: Proteste der indigenen Bevölkerung in Guatemala City, 1996 / Reinhard Jahn (CC BY-SA 2.0 cropped)

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