MAN Steyr: Standort-Logiken & Wirtschafts-Märchen

Diesen Freitag fallen die Würfel, ob und gegebenenfalls wie weiter mit MAN Steyr. Der Aufsichtsrat besiegelte wie erwartet seitens des VW-Tochterkonzerns vergangenen Freitag bereits das Aus für das Traditions-Werk mit 2023 und verlegt die Produktionsstätte nach Polen oder in die Türkei. Und der Belegschaft wird vom etwaigen Eigentümer in Spe schon das Messer in Richtung Lohn- und Personalkürzung angesetzt.

Doch wie verhält es sich genau mit dem Anteil der Löhne an den Gesamtkosten? Was sind, nicht nur aus marxistischer Sicht, Standortbedingungen für eine moderne Produktion? Und gibt es eine Lösung für das Steyr-Werk abseits von Pest und Cholera?

Begleitend hat sich mit dem bekannten Investor und ehem. Magna-Chef Siegfried Wolf ein Übernahmeinteressent für das lukrative, ehemals staatliche Traditionswerk Steyr-Daimler-Puch AG mit seinem Know-how, seiner hochqualifizierten Facharbeit, seiner nötigen Forschungs- und Entwicklungsqualität für eine zukunftsfähige Produktpalette und seinem modernen Maschinenpark herausgeschält. Dem zweiten Angebot des Egger-Bieterkonsortiums »Green-Mobility« rund um den Linzer KeKelit Unternehmer Karl Egger, mit Kurzbundeskanzler Alfred Gusenbauer, wird hingegen kaum eine Zuschlags-Chance eingeräumt. Allerdings beinhaltet das Wolf-Übernahmeangebot – das der Belegschaft am Freitag in einer Betriebsversammlung zur Abstimmung vorgelegt wird – einen regelrechten Kahlschlag der Belegschaft und eklatante Lohneinschnitte. Die Belegschaft soll von insgesamt 2.300 MitarbeiterInnen (davon neben den LeiharbeiterInnen 1.950 zur Stammbelegschaft gehörend) auf rund 1.200 Beschäftigte zusammengeschmolzen werden. Gleichzeitig sollen die Nettolöhne um sage und schreibe 15% gekürzt werden – kolportiert werden sogar exorbitante Einschnitte bis zu 30% vom Brutto. Denn die bisherigen Löhne des Werks am Industriestandortes Steyr seien „zu hoch“, wie Wolf aus profitorientierter Sicht von Anfang an keinen Zweifel ließ. 

Da wir zu Erhalt, Zukunft und tragfähiger Produktpalette des Werks schon mehrfach ausführlicher geschrieben haben, legen wir den Fokus nachstehend auf das beschäftigungs- und insbesondere lohnpolitische Tabula rasa unter dem Mantra der „Standortkonkurrenz“.

Die Daumenschrauben des Kapitalismus

Freilich zeichnet sich der heutige Kapitalismus in der Tat durch eine verschärfte „Standortkonkurrenz“ aus. Und so setzt man den Beschäftigten die Daumenschraube an: Entweder massive Lohneinbußen, oder die Produktion werde in Billiglohnländer verlagert und/oder geschlossen. Die Causa MAN Steyr könnte in diesem Zusammenhang einen erneuten Dammbruch darstellen.

Das Gespenst emporkletternder Arbeitslosigkeit, beständiger Standort- und Produktionsverlagerung, forcierter De-Industrialisierung und regionaler Abstiege wird so als Folge zu hoher Löhne erklärt und erpresserisch zu vermeintlich unumgänglichen – oder real ausbuchstabiert: profiterhöhenden – Rosskuren umgedeutet.

Der bunte Strauß an Standortfaktoren

„Dabei“, darauf hatte als das Schlagwort der „Standortkonkurrenz“ vor Jahrzehnten immer stärker die Runde machte bereits der österreichische marxistische Ökonom Hans Kalt verwiesen, „wird in der öffentlichen Argumentation nicht einmal das Verhältnis zwischen Kosten und Wertschöpfungsfähigkeit der jeweiligen Arbeitskraft beachtet. Dieser Faktor ist dem Kapital gut bekannt. So zeigt die Erfahrung in der Automobilindustrie, daß die Zulieferung komplexer Bestandteile (z. B. Motoren, Getriebe, Bauelemente mit elektrischer und elektronischer Ausrüstung) an die Montagebetriebe nur aus Ländern mit hochqualifizierter Arbeitskraft verläßlich, zeitgerecht und in der jeweils für die einzelnen Typenvarianten erforderlichen Zahl und Qualität möglich ist. Verlagerung solcher anspruchsvoller Zulieferungen in Länder mit niedriger Qualifikation und Arbeitskultur führt zu immer wieder auftretenden Stockungen, Qualitätsverlust und dadurch zu Mehrkosten, die die Kostenersparnis durch niedrigere Löhne oft aufwiegen.“

Nun haben in den letzten Jahren freilich partielle Aufholprozesse bestimmter Länder stattgefunden und sich neue Produktivitätsinseln als vielfach ausgelagerte Werkbänke herausgebildet. Allein, die Produktivitäts- und Technologie-Divergenzen im Allgemeinen, blieben geographisch davon weitgehend unberührt. Als besonders markantes Beispiel dafür mag etwa ein näherer Blick auf die vielfach als gegenteiliges Vorzeigeland präsentierte Slowakei dienen.Die Region Bratislava hat sich dahingehend in der Tat als Produktionsinsel der internationalen Automobil- und Automobilzulieferindustrie, teils auch der Elektronikindustrie, etabliert. Desgleichen ist die Hauptstadt der Slowakei zu einem Ballungszentrum zentraler Dienstleistungsprozesse für internationale Konzerne aufgestiegen. Eine entsprechende Höherentwicklung und Verwissenschaftlichung des gesamten gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses und seiner Erfordernisse fand indes nicht statt. Entsprechend abgehängt wurden denn auch umgekehrt die anderen Regionen des Landes, ja selbst Vychodne Slowensko (Ostslowakei), in der immerhin die, jedoch mit schon gravierenden Abstrichen, zweite slowakische Fertigungsinsel Kosice liegt. Sämtliche slowakische Regionen außerhalb Bratislavas gehören demnach zu den ärmsten Regionen im Euro-Raum, Vychodne Slowensko bildet sogar eines der Schlusslichter. Darin wiederum, spiegeln sich nun aber nicht „nur“ die Widersprüchlichkeiten und Differenziertheiten des kapitalistischen Entwicklungsprozesses, sondern diese Verfasstheiten relativieren auch pauschale Standort-Totschlagsargumente zur Erpressung massiver Lohneinbußen.   

Löhne nur ein marginaler Teil des Gesamten

Zudem sind die Lohnbestandteile nur einer von vielen Faktoren, zu denen neben dem erforderlichen Qualifikationsniveau auch Faktoren wie die Eignung von Regionen oder Ländern als Produktionsstandort, die Infrastruktur im Sinne des Geflechts von Kommunikation, Wissen, digitaler und technologischer Ausstattung sowie  Verkehrsverbindungen bzw. regionaler Logistik, der Zugang und Umfang von erreichbaren Märkten oder Weiterverarbeitungen bzw. auch Zulieferern, die Ausstattung mit wirtschaftsbezogenen Dienstleistern, bis hin zur staatlichen Wirtschaftspolitik gehören. Wären einzig oder allem voran die Löhne der ausschlaggebende Faktor für Wirtschaftsstandorte, wäre wohl der subsaharische Raum (ausgenommen Südafrika) unschlagbar.  

Darüber hinaus stellt der Anteil der Löhne an den Gesamtkosten – aus der Froschperspektive der Unternehmer „Lohnkosten“ genannt –  natürlich nur einen partiellen Teil der Gesamtkosten dar, und ist in der langen Frist zunehmend im Abnehmen begriffen. Freilich erhöht sich mit steigendem innerbetrieblichen Gewicht qualifizierter Tätigkeiten und einem höheren Anteil an Facharbeit zugleich das vergleichsweise Lohnniveau.  Nur liegt dies nicht an „zu hohen“ Einkommen, sondern ist schlicht in der Natur der Sache begründet, weswegen Facharbeit auch Facharbeiterlöhne bedingt und erzielt. Dass ein Betrieb und Produktionssektor mit 80% FacharbeiterInnen – wie bei MAN Steyr – dabei nicht zu Dumpinglöhnen geführt werden kann, begründet sich folglich schon rein aus ökonomischen Zusammenhängen. Nichts desto weniger liegt der Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten in der Industrie schon seit der Jahrtausendwende bei teils weit unter 20%. Entsprechendrelativiert und marginal schlagen denn in Wirklichkeit auch die Löhne überhaupt zu Buche. Selbst wenn man aufgrund der Facharbeit einen Lohnkostenanteil von rund 20% an den Gesamtkosten unterstellt, würde sich eine 15%ige Lohnkürzung lediglich mit 3% Kostenersparnis niederschlagen (was bei Gütern hoher Wertschöpfung oder tatsächlicher Innovationen zudem durchaus innerhalb üblicher preislicher Spielräume dieses Produktportfolios liegt).

Die Relativität der Lohnniveaus

Dies konstatiert inzwischen selbst der Internationale Währungsfonds im Zusammenhang des mittlerweile erreichten „ausgereiften“ Stands der internationalen Wertschöpfungsketten (2017) nebenher. Zwar finden nach wie vor Seitwärtsbewegungen in der Produktionsverlagerung statt, aber insgesamt hat das weitere Aufbrechen der Wertschöpfungsketten aufgrund der abnehmenden Bedeutung der Lohnkosten und immer höheren Anforderungen an das Lieferketten-Management konstatierbar an profitversprechender Attraktivität verloren. Das Leitmedium des deutschen Kapitals, die Süddeutsche Zeitung, schlug flankierend in dieselbe Kerbe: Wirtschaftsberater und Konzern-Bosse argumentieren (in den ihnen eigenen Zirkeln), dass aufgrund der immer geringer werdenden Anteile der Arbeitskosten an den Gesamtkosten, sowie angesichts der sich tendenziell (wenn auch uneinheitlich) verringernden Unterschiede zwischen den Lohnkosten der Länder, weitergehende Aufsplitterungen und gewagte Verlagerungen der Produktion in Hinblick auf die zu erwartenden Gewinnmargen immer weniger rechnen.Zwar findet in Richtung von Ländern wie Polen, der Slowakei oder der Türkei nach wie vor ein „Offshoring“ statt, aber die Schlüsseltechnologien und Kernfertigungen konzentrieren sich mit Paul Krugmans „New Economic Geography“ gesprochen, entgegen dem vielfach gezeichneten Bild ihrer Diffundierung, in hochentwickelten Produktionsclustern.Diese zeichnen sich ihrerseits jedoch neben der nötigen Qualifikation und einem entsprechenden historischen Stand der Arbeitsintensität der Arbeitskraft auch durch ein entsprechendes regionales Netz von Produzenten, Zulieferern, Dienstleistern und gemäßer Logistik aus, wie obendrein ausreichender Personalreserven sowie stetigem Technologietransfer und öffentlichen Technologiekooperationen aus.Derartig verclusterte Regionen und industrielle Ballungszentren bedingen auf dem Niveau des heutigen Produktivkraftstandes mithin weitaus mehr als etwaige Extraprofit versprechende Lohnkostenvorteile, zumal mit dem immer stärkeren Einzug von Elementen der „Industrie 4.0“, deren unabdingbar immer schnellerer und unterbrechungsfreier Datenverkehr vielen zufolge eine Netzinfrastruktur 5G, mindestens jedoch etablierter 4G voraussetzt.  Alles das bildet auch einen der maßgeblichen Hintergründe eines beobachtbaren teilweisen Rückgängigmachens ehemals verlagerter oder outgesourcterWertschöpfungsglieder und Fertigungen.

Alternativen erkämpfen statt Erpressungen bejammern

Wirksam machen lassen sich diese objektiven Zusammenhänge indessen nur, wenn Belegschaft, Betriebsrat und Gewerkschaft, anstatt hilflos die Wortbrüchigkeit der Münchner Konzernzentrale zu bejammern und die horrenden Lohn-Einbußen und den personellen Kahlschlag als Übernahme-Preis zu beklagen, mit Freitag in den Streik und harten Arbeitskampf ziehen: Um Werk, Arbeitsplätze und Lohnniveau in ihrer derzeitigen Qualität wie Umfang zu erhalten!

Eine solche Zukunft liegt unseres Erachtens jedoch nur in einer sofortigen Zwangsverstaatlichung und öffentlichen, klimagerechten Weiterführung des Industriepfeilers und der Produktionsstätte Steyr!

Bildnachweis: Christoph Waghubinger (Lewenstein), CC BY-SA 3.0 AT https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.en, via Wikimedia Commons

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