Die Corona-Pandemie und die Linke

Die auch nach zwei Jahren nicht eingedämmte Corona-Pandemie ist, entgegen dem Überraschungs- und Schicksalsgetue der politisch Verantwortlichen, eine Katastrophe mit Ansage. „Unter Fachleuten war von dem Ausbruch niemand überrascht“ hielt Die Zeit schon im Mai 2020 fest. Denn die EpidemiologInnen weltweit warnen schon seit über zwei Jahrzehnten vor einem (neuen) zoonotischen Seuchenzug um den Globus. Ein zoonotisches Coronavirus, „genau auf diese Konstellation hätten die meisten Experten ihr Geld verwettet“, notiert auch Matthias Martin Becker in seinem Vorwort zur deutschsprachigen Herausgabe von Rob Wallace „Big Farms make big Flu“ trocken.

Marxistische EpidemiologInnen und VirologInnen: Structural One Health

Das ist ebenso festzuhaltendes Allgemeingut, wie es dem vielschichtigen linken Diskurs zunächst als Ausgangspunkt dienen und teils auch zu denken geben sollte. Denn Rob Wallace ist nicht irgendwer, sondern ein Epidemiologe, Virologe und Phylogeograph vom Fach, der zusammen mit Mike Davis, Alex Liebman, Luis Fernando Chaves, Luke R. Bergmann, Constância Ayres, Lenny Hogerwerf, Richard Kock,  Rodrick Wallace u.a. einen revolutionären, historisch-materialistisch kapitalismuskritischen Ansatz entwickelt hat: Structural One Health.

Während jedoch Mike Davis‘ Buch „Vogelgrippe – Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien“ (New York 2005; dt. 2006) aufgrund des explizit antikapitalistischen Ansatzes seiner brillanten Analysen auch im deutschsprachigen Raum für Aufsehen sorgte und breitere Beachtung fand, blieb Rob Wallace 2016 veröffentlichtes Buch „Big Farms Make Big Flu“ ein Geheimtipp – und wurde auch erst im Vorjahr in gekürzter Fassung auf Deutsch herausgegeben. Aufmerksamen LeserInnen war Wallace zuvor allerdings schon aus eine Reihe einschlägiger Aufsätze zur virulenten Gefahr einer großen Pandemie und deren Zusammenhang mit der kapitalistischen Agrarwirtschaft und neoliberalen Globalisierung sowie des herrschenden Politik-Paradigmas bekannt. Eine breitere Rolle spielten diese in der linken europäischen Debatte freilich ebenso wenig, wie der aitiologische Ansatz (die Hervorbringung der Entstehungsbedingungen) der obigen, sich dem Marxismus verpflichtet sehenden US-WissenschafterInnengruppe.

Das Rezeptionsmanko der Linken

Dieses Rezeptionsmanko spiegelt sich – von wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen – auch in zahlreichen linken Publikationen und Diskussionsbeiträgen zu Corona wider. So naheliegend es denn wäre, hier eine kurze Skizze des theoretischen Ansatzes und der Einsichten der Structural One Health-Theorie folgen zu lassen, so wenig hier dennoch der Platz dafür. Rob Wallace samt instruktiven Vorwort von Matthias Martin Becker lässt sich ohnedies auch im Original gut lesen. Und seitens John Bellamy Foster und Intan Suwandi liegt auch bereits eine empfehlenswerte Grundskizze des Ansatzes auf Deutsch vor.

Ganz generell reichen entsprechende Warnungen, wenngleich freilich nicht in dieser Bestimmtheit, mit dem 1993 Sammelband der Rockefeller-Universität sogar noch weiter zurück. In der Wissenschafts-Community bestimmen sie spätestens seit der SARS-Pandemie 2002/2003 das Feld. Und selbst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos warnte die Wissenschaft bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie vor einem neuen drohenden, zoonotischen Seuchenzug.

Wider jedweder Verharmlosung – Omikron

Jenseits des gesellschaftstheoretischen Kontextes interessiert im hiesigen Beitrag jedoch zunächst einzig ein Punkt: Vor dem Hintergrund, dass seit Beginn der Corona-Pandemie, wie die Johns-Hopkins-Universität unlängst bekannt gab, weltweit mehr als fünf Millionen Menschen nach einer Covid-Infektion gestorben sind, versagt sich jede Verharmlosung oder Relativierung. Zumal die Dunkelziffern, insbesondere im Globalen Süden, noch um vieles höher liegen. Dass die nunmehr vorherrschenden Delta-Variante einen neuen Brandbeschleuniger markieren wird, war ebenso schon im Sommer klar, wie dass die Pandemie noch lange nicht vorbei ist.

Das politische Gerede vom „Ende der Pandemie“ war denn auch nicht nur grob fahrlässig, sondern geradezu gemeingefährlich und führte – neben einem unmittelbar der Verpflichtung der Profitinteressen verschuldeten Desaster – darüber hinaus zu einem eklatanten Politikversagen in Bund und Ländern sowie der EU. Nachdem es verabsäumt wurde, das Coronavirus zeitgerecht einzudämmen und auszumerzen, mutiert es in immer neuen Varianten. Mit B.1.1.529, der Omikron-Mutation, ist jetzt eine möglicherweise noch ansteckendere und mortalere Variante auf dem Sprung über den Globus. Eiligst wurden die letzten Tage Einreisestopps über mehrere Staaten des südlichen Afrikas verhängt. Gleichwohl mehren sich auch bereits in Europa dessen Nachweise. Die WHO hat es gerade als „besorgniserregend“ eingestuft.

Niemand hat hier mehr etwas im Griff

Soviel an der Corona-Pandemie in Europa steht denn auch außer Streit: nämlich dass die Pandemie betreffend niemand mehr etwas im Griff hat – aber es bisher auch keine konzise, wirkmächtige linke politische Antwort auf die Seuche, nötige Maßnahmen und Krisenpolitik der Herrschenden gibt. Die Gewerkschaften wiederum stehen der Corona-Krise überhaupt weitestgehend konzeptlos gegenüber.

Die Menschheit – mehr Glück als Verstand

Und dabei hatte die Menschheit bisher noch „mehr Glück als Verstand“. „Zwar entstanden neue Krankheitserreger, aber sie waren entweder sehr ansteckend und wenig pathogen [krankheitsauslösend] oder kaum ansteckend, aber tödlich. Die Schweinegrippe infizierte Millionen, aber die Krankheit war eher harmlos. An der Vogelgrippe starb jeder zweite Infizierte, an MERS anfänglich jeder dritte, aber die Epidemien konnten erstickt werden. COVID-19 wurde pandemisch. Wie vielen Menschen das Virus das Leben kosten wird, ist gegenwärtig noch unabsehbar. … Nichts garantiert, dass der nächste Erreger nicht  noch tödlicher sein wird, und die nächste Pandemie kommt mit Sicherheit.“ (M. M. Becker)

Mehr Glück als Verstand – oder…?

Oder ist schon da. Am 20. Februar des heurigen Jahres gab die Leiterin der russischen Gesundheitsschutzbehörde – fast ungehört – bekannt, dass das noch viel pandemischere Vogelgrippe-Virus H5N8 in einer Geflügelfabrik in Südrussland erstmals auf Menschen übergesprungen ist. Ob dieses auch die Fähigkeit erlangt hatte, sich von Mensch zu Mensch zu übertragen, war zunächst ausdrücklich offen und unklar. Glücklicherweise konnte bis dato kein Mensch zu Mensch Übersprung beobachtet werden. Allerdings: es ist dem Virus immerhin gelungen, von Tier auf Mensch überzuspringen. Die russischen Gesundheitsbehörden sind und bleiben alarmiert. Insofern frappiert das öffentliche Schweigen der heimischen Medien durchaus. Denn auch gegen dieses nochmals pandemischere Virus hätten wir keine natürlichen Abwehrkräfte.

Es scheint Usus, dass die Dinge kaum angemessen zur Kenntnis genommen und gebracht werden. Undeutlich im Bewusstsein ist vielen oder einigen vielleicht noch das rigorose Keulen der Nerze in Dänemark letzten November im Corona-Kontext. Aber auch noch die Dimension von 17 Millionen Tieren, die binnen Kürzestem gekeult und verscharrt wurden? Wobei „keulen“ eine Terminus technicus für das vorsorgliche Massentöten von Tieren um Weiterverbreitungen von Seuchen zu verhindern ist, die vielfach mit Spezialmaschinen vorgenommen wird. Anders ließen sich diese Mengen schier nicht bewerkstelligen. Nicht viel anders steht es um die Vogelgrippe, die fast unbemerkt von der Öffentlichkeit gerade noch schlimmer wütete wie 2016/17. Allein Deutschland sah sich veranlasst, über das Frühjahr mindestens 1,8 Millionen Stück Geflügel zu keulen. In anderen europäischen Ländern war die Lage noch angespannter. Erst mit dem jüngsten Ausbruch der Vogelpest in einem kleinen Stall in Niederösterreich hat es die neuerliche starke Ausbreitung in Europa überhaupt wieder in die Medien der Alpenrepublik geschafft.  

Covid-19: das paradigmatische Fiasko des Westes

Aber bis zu einem gewissen Grad spiegelt sich darin erneut das Corona-Fiasko. Als China am 31.12.2019 aufgrund des ersten Todesfalls im Zentralkrankenhaus Wuhan bei der WHO epidemiologischen Alarm schlug, lagen in Wuhan gerade einmal 7 schwere Fälle einer neuen Lungenentzündung unbekannter Symptomatik vor. Ab 3.1.2020 informierte das Land die WHO, seine Nachbarländer (die auch sofort reagierten) sowie andere Staaten regelmäßig online über den Verlauf der beginnenden Epidemie. Bereits am 8.1. gelang es den Erreger als SARS-CoV-2 zu identifizierten, was auch sofort international mitgeteilt wurde. Zwei Tage danach konnte dann die vollständige genetische Struktur analysiert werden und wurde umgehend international online gestellt. Am 20.1. gab Peking auf Grundlage umfangreicher Untersuchungen, an denen das Land fieberhaft arbeitete, die Mensch zu Mensch Übertragung bekannt, warnte die Weltgemeinschaft erneut vor einer Pandemie und verschaffte dem Westen so insgesamt acht Wochen Zeitvorsprung zur Vorbereitung und Prophylaxe, den dieser ebenso arrogant, ja teils offen hämisch, wie sträflich ungenutzt verstreichen ließ.

Agamben und Foucault?

Dagegen sind auch Giorgio Agambens Philosophie des Ausnahmezustands oder Michel Foucaults Theoretisierungen von „Biomacht“/„Biopolitik“ wenig hilfreiche Ratgeber, so viel im Einzelnen Bedenkenswertes und historisch Interessantes man ihnen vielleicht auch entnehmen kann. Denn, so prominent sie in der Linken im Zusammenhang der Covid-Pandemie herangezogen werden, so deutlich gehen sie auch an der Sache vorbei. Mehr noch: führen auf Abwege.

Am vielleicht ebenso pointiertesten wie härtesten auf den Punkt gebracht hat es dieser Tage der Losurdo-Schüler Stefano Azzarà, der Agambens Denkeinstellung dahingehend charakterisiert, „sich der Spontaneität einer privilegierten Minderheit zu unterwerfen, der es im reichen Westen erlaubt ist, den Impfstoff zu verweigern und sich über milde Maßnahmen [gemeint ist hier der „Green Pass“ Italiens, Anm.] zum Schutze der Öffentlichkeit aufzuregen, die sie mit ihrer verächtlichen Ablehnung jeglicher staatlichen Regulierung und mit ihrer Vorstellung von absoluter individueller Freiheit der Besten und ‚Wohlgeborenen‘ mit Disziplinierung verwechseln.“ In seinem Appell [gemeint ist das zusammen mit Massimo Cacciari verfasste ‚Manifest‘, Anm.], „der die Gesamtheit der von der Pandemie schonungslos aufgezeigten Widersprüche ignoriert, um sich auf die Folgen für eine privilegierte Gruppe zu konzentrieren, wird der mögliche Tod von nichtweißen ‚Untermenschen‘ ohne Zugang zum Impfstoff, also deren radikale Diskriminierung, nicht einmal erwähnt, wird in Erwägung der Launen und der angeblichen Diskriminierung der freien weißen Menschen des Westens schlicht als unwichtig erachtet. So etwas kommt heraus, wenn die Grundlage des Denkens postmoderne Ontologie und Epistemologie sind, demgemäß die Realität und das Verständnis von ihr aufgelöst sind, da alles Konvention und Rhetorik ist. Das geht soweit, dass eine einfache Vorschrift in obszöner Weise mit Diskriminierung und der Verfolgung von Minderheiten, mit ‚Totalitarismus‘ und sogar dem ‚Lager‘ gleichgesetzt wird; soweit, dass die objektive Existenz einer schweren Pandemie und die daraus resultierenden Folgen eines Gesundheitsnotstands geleugnet oder verdrängt werden.“

Auch noch auf die in Österreich Furore machende Esoterik Christian Felbers: „Ich spüre, dass mein Körper mir derzeit kein grünes Licht gibt für eine Corona-Impfung“ – einzugehen hingegen, lohnt nicht. Man muss wahrlich nicht durch jede Pfütze waten, um zu sehen, dass es geregnet hat.

Die „Spanische Grippe“ – „Spanische Grippe 2.0“?

Eine infektiöse Pandemie mit der Todesrate eines H1N1-Influenza-Virus (aber auch zeitnaher H5N8) zöge überhaupt eine „Spanische Grippe 2.0“ nach sich. Diese bekanntlich tödlichste und verheerendste  Pandemie – oder noch genauer: Zoonose –  in der Menschheitsgeschichte (WHO), raffte 1918/19/20 nach Untersuchungen aus dem Jahr 1927 ca. 30 – 50 Mio. Menschen dahin – bei einer damals noch viel geringeren Weltbevölkerung. Die „Spanische Grippe“ entstammt gleichzeitig nicht, wie ihr irreführender Name nahelegen könnte, Spanien, sondern dem Mittleren Westen der USA – in dem das Virus von Wildvögeln in US-amerikanischen Schweinefarmen auf Hausschweine übersprang und von diesen wiederum auf die Menschen zurück übersprang. In heute geläufigen Termini würde man von einer Vogelgrippe und anschließenden Schweinegrippe sprechen, die sich im Anschluss zu einem zoonotischen Seuchenzug (einer zoonotischen Influenza-Pandemie) auswuchs.

Von den USA nach Europa gelangte sie dabei an Bord eines US-amerikanischen Truppentransporters im Ersten Weltkrieg. Heutige Untersuchungen und Schätzungen reichen – über die von EpidemiologInnen, DemographInnen und MedizinhistorikerInnen als „geradezu grotesk niedrig“ bezeichneten ersten Untersuchungen hinaus – bis zu 100 Mio. Toten. So oder so, die „Spanischen Grippe“ forderte folglich in ebenfalls kürzester Zeit ein zusätzlich Vielfaches an Todesopfern als schon der Erste Weltkrieg. Und ist zugleich mit diesem auf das Engste verbunden. Auch ihren Namen verdankt sie dem Krieg, genauer der Kriegszensur – weshalb die ersten offiziellen Nachrichten über die Influenza-Pandemie aus dem neutralen Spanien mit dessen relativ offener Berichterstattung über das Ausmaß der Seuche kamen, wo sie nicht im kriegsüblichen Ausmaß unterdrückt wurden.

Impfgeschichte

Angesichts dessen muten nicht nur bestimmte Aspekte der hinter uns liegenden Corona-Diskussionen in der Linken etwas scheel an. In gewisser Weise wiederholt sich dieser Blindflug nun in der Impfdebatte. In dieser fühlt man sich zuweilen an Debatten wie jene um die Kuhpockenimpfung im 19. Jahrhundert erinnert, in der seinerzeitige Skeptiker die Impfung mit einem tierischen Erreger mit Sodomie gleichsetzen. Stärker noch, wie der Medizinhistoriker Philipp Osten zur Geschichte der Pockenimpfung unterstreicht: „Fast alle Ressentiments gegen die Aufklärung vereinigten sich in der Impfgegnerschaft“. Unter dem Gefolge Andreas Hofers herrschte in diesem Zusammenhang etwa die feste Ansicht, dass ihnen mit der durch die Französische Besatzung eingeführten Pockenimpfung in Wahrheit in wortwörtlichem Sinn der Protestantismus eingeimpft werden solle.

Und auch die Verknüpfung der Impfgegnerschaft mit dem Antisemitismus ließ nicht lange auf sich warten. Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts zirkulierten zahlreiche antisemitische Hetz-Flugblätter zur Pockenimpfung. Hitlers Hetzblattherausgeber Julius Streicher behauptete später im „Stürmer“ überhaupt, dass Impfungen von den Juden als „Rassenschande“ in die Welt gesetzt worden seien. Dabei war Österreich 1799 sogar das erste kontinentaleuropäische Land, in dem die vom englischen Arzt Edward Jenner entwickelte Pockenimpfung erfolgreich zum Zuge kam. (Die regionale Hervorhebung deshalb, weil Impfungen zu dieser Zeit von Indien über China, Westafrika bis ins Osmanische Reich – im  Gegensatz zu Kontinentaleuropa – schon fest etablierte Praktiken gegen Epidemien waren, während die Pockenepidemien im 18. Jahrhundert in Europa noch ungebremst mit tödlichem Odem durch Stadt und Land fegten.) Auf jenen Kontext geht nebenbei historisch auch das Wort Vakzin zurück, das seiner Herkunft nach dem heute nicht mehr so offenliegendem Ursprung vom lat. Begriff vacca = die Kuh abstammt.

Edward Jenner versus Big Pharma

Während Edward Jenner damals bewusst auf eine Patentierung verzichtete, um auch der ärmeren Bevölkerung den Zugang zu einer Impfung zu erleichtern, hält Big Pharma heute jedoch mit Zähnen und Klauen an seinen Patenten fest, während das Corona-Virus Millionen dahinrafft. Die Gewinne der Pharmaindustrie auf Kosten von Menschenleben und Menschenrechten wiederum sind astronomisch: Pfizer, Biontech und Moderna machen mit ihren Covid-Impfstoffen pro Sekunde einen Gewinn von mehr als 1.000 Dollar oder exakter: 65.000 Dollar in der Minute. Dabei stellten Wissenschaft und WHO bereits von Anfang an klar: Die Corona-Pandemie lässt sich nur global überwinden.

Der erste Nachweis der Omikron-Variante in der EU unterstreicht dies nochmals eindrücklich. Um eine gebotene Versorgung mit Vakzinen zu erreichen, ist daher eine unverzügliche Freigabe der Patente (bzw. Lizenzvergaben und die temporäre Aussetzung des herrschenden Patentsystems sowie Technologietransfers) – wie von über 100 Ländern zur nächstwöchigen WTO-Tagung auch nachdrücklich gefordert – von Nöten. Die großspurige Ankündigung der imperialistischen Kernländer, einen weltweiten „fairen“ Zugang zu Impfstoffen zu gewährleisten, ist für die große Mehrheit der Weltbevölkerung nach wie vor in weiter Ferne. Während die reichen, zahlungskräftigen Länder sich mit einem Vielfachen der benötigten Impfstoffe versorgt haben und regelrecht überschüssige Impfdosen horten, sind die unabdingbaren Vakzine in ärmeren Ländern immer noch krasse Mangelware.

Mehrschichtige Problemfelder

An dieser Stelle sei deswegen gleichwohl nicht unbesehen einer Impfpflicht das Wort geredet. Der Schutz der körperlichen Integrität einer Person nach Art. 8 EMRK (Europäische Menschenrechtskonvention) ist ein hohes Gut – wenn auch hinsichtlich der vielfachen Impfpflichten in den unterschiedlichsten Ländern quer über den Globus auch diffiziler wie es dahingehend auf den ersten Blick scheint. Aber die Dramatisierung bis hin zu regelrechten Hysterisierung der ImpfgegnerInnen ist schon frappierend, zumal in einem Land, in dem bis 1980 eine allgemeine Impfpflicht gegen Pocken bestand. Erst als die WHO 1979 die Pocken als ausgerottet erklärte, wurde im Jahr darauf die Impfpflicht dagegen abgeschafft. Und auch die breitflächigen Schulimpfaktionen oder ermöglichten Impfungen im Rahmen des Mutter-Kind-Passes galten der Linken historisch keineswegs als Ausgeburt einer reaktionären Biopolitik des Staats. Im Gegenteil. Dabei beinhaltet der Mutter-Kind-Pass immerhin einen ganzen Strauß empfohlener und gratis gestellter Impfungen: Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hämophilus B, Polio, Hepatitis B und Pneumokokken, sowie gegen Mumps, Röteln, Masern (die aufgrund der hohen Durchimpfungsrate von rund 90% heute als beinahe ausgerottet gelten).

Ja, auch die obligatorischen Reiseimpfungen für den Urlaubstripp in ferne Länder und tropische Gebiete bzw. bestehende Impfpflichten in einigen Weltregionen haben die Gemüter in der Vergangenheit nicht weiter erhitzt. Das Jaukerl gegen Malaria, Gelbfieber, Dengue oder Hepatitis galt (und gilt) für Weltenbummler und Globetrotter mehr oder weniger als Selbstverständlichkeit. Für heimische Badeseen und Wandertouren wiederum verzichten ebenfalls nur die Wenigsten auf eine Zecken-Impfung. Aber dreht es sich um Covid-19, gehen auch in der Linken augenblicklich die Wogen hoch.

Und Philosophen vom Schlage eines Agamben befeuern dies mit ihrem „Gesundheitsdiktatur“-Diskurs und einem erstaunlich seichten Freiheits-Begriff auch noch. Wie überhaupt auch unter einigen Linken die Entscheidung, sich keinesfalls gegen ein pandemisches Virus impfen lassen zu wollen, zum letzten, alles entscheidenden Refugium ihres Freiheitsverständnisses mutiert. Man muss wahrlich kein Befürworter, keine Befürworterin einer Impfpflicht sein, um dahingehend zumindest zu erstaunen.

Historische Reminiszenzen

Für historisch Interessierte sei allerdings zumindest in Parenthese angeführt, dass seinerzeit von der Sowjetunion bis zur DDR ebenfalls Impfpflichten existierten. In der DDR beispielsweise auch gegen Kinderlähmung. Wer etwa unseren viel zu früh verstorben Genossen und Freund, den Polit-Liedermacher Sigi Maron – seines Zeichens zugleich musikalischer Gast am traditionellen Festival des politischen Lieds in der DDR – und sein gesundheitliches Schicksal in diesem Kontext kennt, sollte zumindest ein Stück Nachdenklichkeit walten lassen. Er selbst würde, lebte er noch, in der ihm charakteristischen Art freilich in deftigerem Worte in die Debatte eingreifen.

Zumal Österreich später – in enger Kooperation mit der Sowjetunion übrigens – das erste westeuropäische Land war, dass 1961 die Polio-Impfung einführte und über die einfache Verabreichung in Form des von Albert Sabin entwickelten Schluckimpfstoffs (anstatt des intramuskulären Impfstoffs von Jonas Salk) die Kinderlähmung de facto ausrotten konnte. Gab es in Österreich zwischen 1946 und 1961 noch 12.620 Erkrankungs- und 1.426 Todesfälle, so erkrankten im Zeitraum 1962 bis 1980 nur mehr 37 ÖsterreicherInnen an Kinderlähmung. Bei sechs verlief die Erkrankung tödlich, zuletzt 1973. 1980 erklärte die WHO Österreich schließlich als poliofrei.

Tacheles geredet

Gleichwohl hieße es den Herrschenden auf den Leim zu gehen in den Sündenbock-Diskurs gegen (aus vielfältigen Gründen bislang) Ungeimpfte einzustimmen und uns in einer Ablenkungskampagne vom eklatanten Desaster der Corona-Politik der Regierung billig spalten zu lassen. Das wiederum impliziert allerdings ausdrücklich nicht die unsägliche Schar von Schwurblern, Verschwörungstheoretikern, Quacksalbern und Faschisten diverser Couleurs mit ihren geradezu grotesken Verharmlosungen der Pandemie bzw. völlig kruden Erzählungen von implantierten Chips, über die „QAnon“-Erzählungen von „Ardenochrom“ saugenden Eliten, über angebliche Unfruchtbarkeitswirkungen von Covid-Impfungen, oder damit einhergehender Genmutationen, bis zu luzideren permanenten Fake-News. Als politische Gewährsmänner mit einem Donald Trump, der schon mal die Einnahme von Desinfektionsmittel pries, über Jair Bolsonaro, der sich an Listen medizinisch nachweislich unwirksamer Heilmittel geradezu labt, bis Herbert Kickl, der lieber auf Anti-Wurmmittel seiner nun aufgelösten Pferdestaffel schwört, die Allianz des faschistoiden Irrationalismus an ihrer Seite. Ihnen allen wie ihrem verwilderten Denken, ihrer brandgefährlichen Agitation und politischen Rattenfängerei ist auf das Entschiedenste entgegenzutreten.

Allerdings trägt auch das weniger schmuddelige politische Establishment selbst sein gerütteltes Maß zur Impfskepsis bei. Die mehr oder weniger einzig geopolitischen Motiven entspringende bisherige Nichtzulassung von herkömmlichen Nicht-mRNA-Impfstoffen wie Sputnik oder Sinovac in der EU, die lancierten Ursprungsmärchen von Covid-19 als einem Laborprodukt (dem selbst die „Five Eyes“, die verbündeten Geheimdienste der USA, Großbritanniens, Kanadas, Australiens und Neuseelands, mehrfach als hanebüchenen Unsinn entgegengetreten sind), die Unglaubwürdigkeit und wahrlich nur bedingt einer konzisen Gesundheitspolitik folgenden Corona-Maßnahmen, das ständige changieren der Epidemie-Politik zwischen unbedingter Aufrechterhaltung der Kapitalverwertung und gesundheitspolitischen Notbremsen, sowie der zu Recht tiefe Vertrauensschwund in Regierung und Staat breiter Teile der Bevölkerung. Nur kann das nicht heißen, gegen jede epidemische Expertise deshalb in den Chor der Impfskeptiker einzustimmen. Zumal die Zahl der Geimpften nach wie vor viel zu gering ist.  

Diesbezüglich werden wir auch nicht umhinkommen, neue Einsichten miteinzubeziehen. Von Impfbeginn an war nicht ausgemacht, ob nicht eine dritte Dosis nötig sein würde. Diese läuft nun unter Booster-Impfung – als eine Art letztes Gütesiegel. Viel richtiger wäre es allerdings, den WissenschafterInnen exakt zu folgen: „Es ist für uns schon seit einiger Zeit klar, dass wir dreifach impfen müssen“. „Wir müssen [folglich] beginnen, eine vollständige Impfung als eine Impfung mit drei Dosen zu betrachten“, so der bekannte Virologe Christian Drosten jüngst. Damit verändert sich allerdings auch das Bild der Durchimpfungsrate nochmals enorm. Denn das heißt, wollen wir die aktuelle und nächste Welle brechen, gar das Virus besiegen, oder auch nur seine Verbreitung eindämmen, wird sich auch die Linke dieser Herausforderung ernsthaft stellen müssen. 

Für wissenschaftsbasierte Eingriffe in die Debatte

Das gilt auch – wenngleich es aufgrund der geschürten Befürchtungen möglicher Gefahren, Nebenwirkungen und Spätfolgen von mRNA-Impfstoffen parallel Impfstoffe auf Basis traditioneller Technologien zur Verfügung zu stellen sind, um die nötige Impfrate in Kombination mit vertrauteren oder sozusagen niederschwelligeren Impftechnologien zu erreichen – für die Debatten um die neue Technologie RNA-basierter, „genetischer“ Impfstoffe. Das diesbezügliche Mythenamalgam ist nicht weniger krude, wie auf anderen Feldern. Ihr – unter anderem – unzweifelhafter Vorteil liegt sicherlich darin, dass sie sich der Infektionsdynamik entsprechend sehr schnell anpassen lassen, während etwa die herkömmlichen  jährlichen Grippeimpfstoffe eine Vorlaufzeit von sechs bis neun Monaten aufweisen, weshalb sie zu Grippesaison auch nicht mehr abänderbar und anpassbar sind. Natürlich weisen die mRNA-Impfstoffe aufgrund ihrer schwierigeren Lagerbarkeit oder ihrer derzeit noch erforderlichen zwei- bzw. eigentlich dreimaligen Verabreichungsnotwendigkeit auch (noch) Nachteile auf. Die an die Wand gemalten und durch die Schwurblerszenerie geisternden bzw. von dieser ausgehenden Schreckgespenste sind indes Humbug und hängen sich vielfach am missverständlichen Begriff „genetische Impfstoffe“ auf, der in der Tat genauso missverständlich ist wie der Begriff „Totimpfstoffe“ (gelten Viren der Wissenschaft recht eigentlich gar nicht als Lebewesen bzw. bestenfalls als Grenzfall des Lebens). Und auch, dass ihre Schutzwirkung gegen neue Varianten gegebenenfalls ein Stück weit abnehmen kann, ist kein wirkliches Argument. Zum einen macht eine Schutzwirkung von 80% oder auch 70% noch immer einen eklatanten Unterschied zum ungeimpften Null aus. Zum anderen kennen wir sogenannte „sterile Immunitäten“, also dass Impfung eine vollständige Immunität erzeugen bzw. man sich nicht wieder reinfizieren und erkranken kann, überhaupt nur bei an einer Hand abzählbaren Viren. Impfungen verhindern Ansteckungen bzw. schränken diese drastisch ein, schützen vor schweren Verläufen und schützen solidarisch das Umfeld (zumal Hochrisikogruppen und jene. die wie Menschen mit Immunschwächen oder Säuglinge nicht geimpft werden können) vor einer Übertragung der Infektion – und durch sie lassen Epidemien und Pandemien eindämmen und beenden.

Der Unsinn und die Abwege der Verschwörungstheorien

Dazu bedarf es allerdings auch von linker Seite eines rigorosen Bruchs mit auch nur des Funkens an Abgleitflächen Richtung Verschwörungstheorien. Würde diesen eine Entsprechung in der Realität zukommen, wäre es für uns im Grunde viel einfacher. Nicht nur hinsichtlich der Erklärungen. Vielmehr noch politisch. Denn gäbe es dieses verschworene Zentrum der Macht, bräuchten wir es und sein institutionelles Gefüge im Grunde „nur“ zu erobern und könnten der Welt den Weg in die Glückseligkeit öffnen. Nur leider ist es viel schwieriger, die Herrschenden haben die Verhältnisse und Geister, die sie riefen, selbst nicht wirklich souverän in Griff.

„Aber die Pharmaindustrie!!??“ – schallt es jenen Linken, die Impfungen für ein Gebot der Vernunft halten um die Ohren, damit suggerierend, diese seien angesichts des großen Coups von Big-Pharama jetzt nicht mehr bei klarem Blick. Um die Antwort abermals mit Stefano Azzarà zu pointieren: „Die rationale historisch-philosophische Kritik der Gesundheitsindustrie und der Unterwerfung der wissenschaftlichen Forschung unter die Bedürfnisse der Produktion, die der Marxismus als objektive Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise deutet, verflacht zur Denunziation eines ‚Big-Pharma-Komplotts‘, das uns die Impfstoffe aufzwinge (wir wissen nicht, ob zu unserer Kontrolle, Ausrottung oder Ersetzung), und zur Begründung einer Art irrationaler New-Age-Gesundheits-Sponti-Bewegung.“

Rob Wallace und Linke auf der anderen Seite der Barrikade

Als Rob Wallace zu Beginn der sich ausbreitenden Corona-Pandemie, um den Bogen zu schließen, erstmals das Wort ergriff, schwangen ob seiner über zwei Jahrzehnte langen vergeblichen Kassandrarufe sichtliche Gereiztheit, Sorgen, Enttäuschungen mit: „Was um Himmels willen wollt ihr von mir hören? Was soll ich denn machen?“ Neben einer umfassenden ökonomischen Umsteuerung und einer breit gefächerten tragfähigen Pandemie-Politik, war auch ihm schon damals die ausnehmende Bedeutung der Entwicklung eines wirksamen Serums und weltweiter Durchimpfungen klar. Dass den Structural One Health-ExpertInnen gerade darin auch ein Teil der Linken einen Strich gegen ihre jahrzehntelange, und ebenso lange nicht zur Kenntnis genommene Forschung, machen werden, konnte er sich als Epidemiologe und Virologe vom Fach wohl kaum ausmalen.

(Aktualisiert und erweitert: 28.11.2021)

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