»Wir müssen jetzt einen Schritt weiter gehen«

Vor »Klimastreik« am Freitag und Protesten am Wochenende: »Fridays for Future«-Aktivisten im Hungerstreik. Ein Gespräch mit Sergio Carlos Quiñones Maletti

Interview: Henning von Stoltzenberg

Aus Junge Welt

Gemeinsam mit einer weiteren »Fridays for Future«-Aktivistin sind Sie in einen einwöchigen Hungerstreik getreten. Wie ist die Resonanz auf die für Ihre Bewegung bisher ungewöhnliche Aktionsform?

Aktuell sind sich viele einig, dass der politische Streik allein nicht reicht, und wir uns auf die Suche nach neuen Protestformen machen müssen. Von daher ist die Offenheit für neue Aktionen größer als je zuvor. Auch wenn einige Menschen nicht mit allen Einzelheiten einverstanden sind, wird unser Hungerstreik dennoch von nahezu allen als politisch legitim betrachtet. Wichtig für uns ist, dass wir jetzt die Diskussion darüber, wie wir als Bewegung einen Schritt weiter gehen können, wieder aufgenommen haben. Für uns ist das der größte Erfolg.

Was sind Ihre Forderungen?

Zunächst richtet sich der Hungerstreik nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, in die Bewegung hinein. Die ganze Diskussion über neue Aktionsformen taugt nichts, wenn wir nicht heute schon praktisch versuchen, bisherige Grenzen zu überwinden und die Debatte mit Erfahrungen zu bereichern.

Darüber hinaus richten wir drei Forderungen an die Bundesregierung. Erstens wollen wir eine Neuverhandlung des sogenannten Klimapakets und die Umsetzung der Forderungen von »Fridays for Future«. Zweitens fordern wir politisches Streikrecht für alle. Und drittens verlangen wir die klare Verurteilung des Krieges der Türkei in Rojava und der Aufstandsbekämpfung in Chile sowie ein umfassendes Embargo sämtlicher Rüstungsexporte in die Türkei.

Ihre Themen sind breit gefächert. Was wollen Sie damit erreichen?

Der Sinn der Forderungen besteht vor allem darin, unsere Solidarität sowohl mit den Werktätigen hier in Deutschland als auch mit der revolutionären Bewegung in Chile und in Rojava auszudrücken. Mit dem Hungerstreik wollen wir klarmachen, dass wir die soziale und die ökologische Frage weder voneinander getrennt noch allein im nationalen Rahmen betrachten dürfen.

Ihre Forderungen gehen deutlich über Kritik am unzureichenden »Klimapaket« hinaus. Werden sie in der »Fridays for Future«-Bewegung geteilt?

Bei uns hat sich eine breite Solibewegung für Rojava entwickelt, die zum Beispiel unter dem Motto »Fridays for Peace« schon einen Aktionstag organisiert hat. Allerdings wird die genannte dritte Forderung nicht von der ganzen Bewegung geteilt. Insbesondere wenn es um die Verurteilung des türkischen Einmarsches in Rojava geht, haben viele Menschen hierzulande die Position von »Fridays for Future« in der Türkei eingenommen und damit die Bitte um Solidarität von »Fridays for Future« in Rojava ignoriert. Die türkischen Aktiven spielen ein doppeltes Spiel: Einerseits akzeptieren sie Erdogans Diskurs über Rojava, andererseits behaupten sie, sie würden alle in den Knast kommen, wenn »Fridays for Future« den Krieg verurteilen würde. Damit schüchtern sie auch in Deutschland den Teil der Bewegung ein, der keine antimilitaristische Grundausrichtung hat. Um so wichtiger, dass die Forderungen aus Rojava hier gehört werden und klargemacht wird, dass konsequenter Klimaschutz immer antimilitaristisch und antifaschistisch sein muss.

In Ihrer Hungerstreikerklärung ist von »Desillusionierung« von Jugendlichen innerhalb von »Fridays for Future« die Rede. Betrifft das so viele? Und wie lässt sich dem entgegenwirken?

Wir haben im Austausch mit vielen Ortsgruppen den Eindruck gewonnen, dass Desillusionierung sehr weit verbreitet ist. Vor allem geht es hierbei aber um Erfahrungen aus der Praxis: dass wir trotz der monatelangen Mühe keinen klimapolitischen Kurswechsel erzwingen konnten. Wir müssen verhindern, dass daraus der Schluss gezogen wird, etwas zu verändern sei gar nicht möglich. Im Gegenteil: Wir müssen aufzeigen, dass wir jetzt einen Schritt weiter gehen müssen. Das kann nicht einfach im Plenum bewältigt werden. Wir werden nicht Hunderte Menschen davon abhalten können, sich aus dem Aktivismus zurückzuziehen, indem wir mit ihnen Einzelgesprächen über die Notwendigkeit, den Kapitalismus zu überwinden, führen. Diese Aufgabe ist vor allem eine praktische. Wer so ein Problem angeht, muss sich über die eigenen Grenzen Gedanken machen und versuchen, sie zu überwinden.

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