Privatjets, Netjet, Flexjet – It’s Capitalism, Stupid!

Während die Klimakrise auch auf der UN-Klimakonferenz von Glasgow nicht eingehegt werden konnte und die sozialen Verhältnisse bis hin zu nackten Hungerkatastrophen weiter erodieren und aus dem Ruder laufen, platzt, nicht zuletzt aufgrund der rigoros zunehmenden Reichtumsakkumulation und -Aufspreizung, die nochmals multipliziert klimaschädliche Privatfliegerei aus allen Nähten.

Ins breitere, negative mediale Rampenlicht und Eck gelangte der Privatjet-Verkehr eigentlich erst mit dem Wien-Bratislava-Tripp von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kurz vor der COP26 bzw. durch den britischen Premier Boris Johnson, der im unmittelbaren Anschluss an seine Klimarede in Glasgow sogleich seinen Privatjet zum Dinner in London bestieg. Davor galt es als eher schicklich, wenn sich Jeffry Bezos irgendwo in seinem luxuriösen Privatjet die Ehre gab, ja gar als eine Art Ritterschlag, mal Larry Fink im Privatjet begleiten zu dürfen.

Dabei war es noch nie ein Geheimnis, dass Fliegen nicht nur die mit Abstand klimaschädlichste Verkehrsform ist, sondern Privatjets pro Passagiermeile nochmals bis zu 20-mal mehr CO2-Ausstoß aufweisen als herkömmliche Verkehrsflugzeuge – und der Weltflugverkehr zu alledem auch noch in einem geradezu atemberaubenden Tempo überproportional wuchs und wächst. Freilich mit einer aktuellen Corona-Zwischendelle. Der Corona-bedingte Einbruch und das weltweite Grounding war prozentual wie absolut sogar noch höher als die Flugverkehrseinbrüche nach dem 11. September 2001 und der kurz danach grassierenden SARS-Epidemie. Nur, selbst zum Höhepunkt seines Corona-Einbruchs 2020/2021 lag das absolute Weltflugverkehrsniveau noch immer gleich auf mit dem einst im Zuge der neoliberalen Globalisierung und dem Aufstieg der Billigflug-Airlines der 1990er Jahre erreichten Niveau des Jahres 2000 – bevor dieses vorübergehend kurz in die Knie ging, um danach im Steigflug auf die 2019er-Höhen abzuheben.   

Schon vor dem jetzigen, gelegentlichen Aufblitzen in den Medien skizzierte der linke Verkehrsmarktexperte Winfried Wolf neben den „Innovationen“ der Luftfahrt und neueren Entwicklungstendenzen im Linien- und Charterverkehr zugleich die aufsteigende Konjunktur und neuen Geschäftsmodelle in der Privatjetbranche á la Netjet und Flexjet, und schrieb in Anspielung auf die aktuell rund 13.000 privaten und Business-Jets: „Ganz oben in der Flieger-Hierarchie thront die Gruppe der Privatflieger. Der Begriff die ‚Die oberen Zehntausend‘ scheint ein Jahrhundert nach seiner erstmaligen Verwendung erneut zuzutreffen.“

Während eigene Privatjets oder Business-Jets für Supermilliardäre, CEOs von großen Investmentgesellschaften und Multis, Öl-Scheichs und ähnliche Konsorten schon des längeren zum Usus gehören, waren sie als Verkehrsmittel bei der reichen High Society der Nicht-Vielflieger oder reichen (jedoch vielfach in den Trainings- und Spielalltag eingebundenen) Sportstars, aber auch Musikikonen, SchauspielerInnen u.a. bisher noch nicht in vergleichsweisen Maß etabliert. Ein überwiegendes Grounding der teuren Luxusjets oder Parken auf irgendwelchen, vorwiegend (Regional-)Flughäfen, inklusive Wartungen und Bereitschaftszeiten für Piloten, war und ist selbst für jene Mitglieder des Geldadels unpraktikabel und unüblich. Mit den neuen Geschäftsmodellen von Netjet und Flexjet ließ sich bzw. kann nun auch dieser Kreis immer weiter erschlossen werden.„Wer zur Netjet-Gemeinschaft zählt kann sich innerhalb von 10 Stunden in ganz Europa und in den USA einen Jet bestellen“, Chauffeur mit Luxuslimousine zum Flughafen und Pilot natürlich inklusive. „Man hat die Wahl zwischen 1000 Flughäfen in Europa und einer weit größeren Anzahl von Airports in den USA. Die Jets dieser Mitfahrzentrale für Betuchte genießen die gleichen Privilegien wie Jets im Eigentum von Privaten oder von Unternehmen.“ Also: eigene Flugkorridore als Überholspur der dicken Jumbos der Fluggesellschaften, vielfaches „Durchschleusen“ durch die zeitaufwendigen Sicherheitschecks an den Airports augenzwinkernd inbegiffen, etc. Die Passagiere der Netjet- und Flexjet-Gemeinde können zudem „außer den großen“ auch „die vielen kleinen Flughäfen ansteuern, um möglichst nah an den Ort ihres Geschäftstermins oder ihres Häuschens im Grünen zu gelangen“, so Winfried Wolf das Geschäftsmodell skizzierend. Man braucht dafür ‚lediglich‘ um die 150.000 Euro für die Jahreskarte hinblättern.

Freilich ist das nicht gerade der Tarif des 1-2-3 Tickets, aber auch für eine andere, sehr exklusive Community gestrickt. Dafür muss man – wie der lichte Kurz-Vertraute und Ex-Öbag-Chef Thomas Schmid verächtlich über uns Normalbürger schreib – auch nicht „reisen wie der Pöbel“. Ja, mehr noch, dieser Privatjet-Gemeinde gegenüber reisen selbst Diplomaten und Business-Class-Abonnenten nur in Verkehrsformen des „niederen Adels“. Denn, wie Netjet Europe CEO, den „fundamentalen Unterschied“ zu den traditionellen Erste-Klasse-Fluggästen hervorstreicht: „Wenn Sie mit uns fliegen, kontrollieren sie die ganze Agenda: Wann, wohin und wer mitkommt. Das bestimmen allein Sie, nicht die Fluggesellschaft.“ Der hier thematisierte, erlauchte Kreis der Privatjet-High Society wäre denn auch selbst einer mit Diplomatenpass ausgestatteten und in maßgeschneidertem Öbag-Chefposten gehüllten Figur und deren massenverachtenden Träumereien einer gesellschaftlichen Fußnote um mehr als nur eine Kragenweite zu hoch.

Gleichwohl schießt der Run auf das Privatjet-Geschäft gerade derart durch die Decke, dass nicht nur die bisherigen Bestmarken in einem fort purzeln und im letzten halben Jahr sogar Monat für Monat neu durch die Wolken schossen, sondern Flexjet derzeit keine neuen Kundinnen mehr für sein Einstiegsprogramm „Jed Card“ annimmt und laut Flexjet-Europa CEO die Verantwortlichen „die letzten neun Monate mehr oder weniger“ vorrangig damit verbrachten, „Flugzeuge zu kaufen“ was das Zeug hält, um den Boom noch bewältigen zu können. Die Kapazitätsgrenzen der Fliegerflotten sind längst am Bersten. Auch Netjet hat heuer bereits 100 neue Jets geordert. Aber weder Flugzeug-Hersteller, noch Um- und Aufrüster-Firmen von Gebrauchtflugzeugen können mit dem Privatfliegerei-Boom noch Schritt halten. Die Produktionsaufträge für neue Flugzeuge belaufen sich bereits auf fast zwei Jahre. Und auch der Bestand geeigneter, umbaubarer Gebrauchtflieger ist weitgehend abgegrast.

Während die Branche im Concorde-Tempo (obwohl historisch korrekt die Tupolew einen Zahn schneller war) selbst den Ausrüstern enteilt und der durch die zunehmende Reichtumsakkumulation und -Aufspreizung befeuerten Nachfrage nicht mehr nachkommt, erodieren spiegelverkehrt die sozialen Verhältnisse und kippt das bisherige Klimazeitalter.

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