Epidemiologisches Gfrett und rassistisches Gift

Das epidemiologische Gfrett und rassistische Gift stigmatisierender Viren-Bezeichnungen und Diskriminierungen

Südafrika fühlt sich für seine gelungenen Genomsequenzierung der Covid-Variante Omikron nach Identifizierung der Delta-Variante letzten Jahres abermals zum Bauernopfer auserkoren. Zu Recht. Dazu gesellt sich mit der Corona-Pandemie eine gewisse Renaissance bewusst stigmatisierender Benennungen des Virus und seiner Mutationen.  

H1N1 – weder „Spanische Grippe“ noch „Mittleres Westen Virus“

Der historisch bekannteste Fall einer solch krassen Fehlbezeichnung ist sicher die „Spanische Grippe“. Diese bekanntlich tödlichste und verheerendste Pandemie in der Menschheitsgeschichte (WHO), raffte 1918/19/20 nach Untersuchungen aus dem Jahr 1927 ca. 30 – 50 Mio. Menschen dahin – bei einer damals noch viel geringeren Weltbevölkerung. Die „Spanische Grippe“ entstammt gleichzeitig nicht, wie ihr irreführender Name nahelegen könnte, Spanien, sondern dem Mittleren Westen der USA – in dem das Virus von Wildvögeln in US-amerikanischen Schweinefarmen auf Hausschweine übersprang und von diesen wiederum auf die Menschen zurück übersprang. In heute geläufigen Termini würde man von einer Vogelgrippe und anschließenden Schweinegrippe sprechen, die sich im Anschluss zu einem zoonotischen Seuchenzug (einer zoonotischen Influenza-Pandemie) auswuchs.

Gleichwohl würde niemand auf die Idee kommen, es deshalb in durchsichtiger Kriegsrhetorik als „Mittleres Westen-“ oder „US-Virus“ zu bezeichnen, wie Trump Covid als „Wuhan-“ oder „China-Virus“ sprachregeln wollte, worin ihm freilich noch nicht einmal seine engsten Verbündeten gefolgt sind.

H1N1 – die noch bescheidene Rolle transatlantischen Tourismus‘ und der Erste Weltkrieg

Wobei der Seuchenzug des H1N1-Influenza-Virus gleichzeitig durchaus eng mit dem Ersten Weltkrieg verbunden ist. Von den USA nach Europa gelangte es nämlich nicht zufällig an Bord eines US-amerikanischen Truppentransporters im Ersten Weltkrieg. Der zivile grenzüberschreitende Tourismus, erst recht transatlantische Ozeanquerungen spielten seinerzeit erst eine äußerst bescheidene Rolle und waren im Grunde eine diesbezüglich fast vernachlässigbare Angelegenheit einer kleinen gesellschaftlichen Minderheit. Das Gros der zivilen Schiffsquerungen diente bis zum Ersten Weltkrieg vielmehr der Auswanderung aus Europa in die Neue Welt. 1913, dem letzten Jahr bevor die Kriegsschifffahrt die zivile Schifffahrt weitgehend ablöste, wanderten freilich 1,3 Millionen EuropäerInnen in die USA und nach Kanada bzw. eine weitere halbe Million nach Brasilien und Argentinien aus und schipperten westwärts über den Atlantik, aber das war in seinem Charakter kein transkontinentaler Reiseverkehr, sondern hatte den Charakter eines One Way Ticket nach Amerika. Und der erste transatlantische Passagierflug aus den USA nach Europa fand überhaupt erst 1939 statt. Auch der Atlantik-Linienflug wich aufgrund des Zweiten Weltkriegs dann bereits nach kurzem dem militärischen Flugverkehr.

Heutige Untersuchungen und Schätzungen zur H1N1-Pandemie reichen – über die von EpidemiologInnen, DemographInnen und MedizinhistorikerInnen als „geradezu grotesk niedrig“ bezeichneten ersten Untersuchungen hinaus – bis zu 100 Mio. Toten. So oder so, die „Spanischen Grippe“ forderte folglich in ebenfalls kürzester Zeit ein zusätzlich Vielfaches an Todesopfern als schon der Erste Weltkrieg. Und ist wie gezeigt auch noch darüber hinaus mit diesem auf das Engste verbunden. Auch ihren Namen verdankt sie dem Krieg, genauer der Kriegszensur – weshalb die ersten offiziellen Nachrichten über die Influenza-Pandemie aus dem neutralen Spanien mit dessen relativ offener Berichterstattung über das Ausmaß der Seuche kamen, wo sie nicht im kriegsüblichen Ausmaß unterdrückt wurden.

Aids/HIV

Ebenso absonderlich wie SARS-CoV-2 mit dem Reich der Mitte zu konnotieren, gar à la Trump in durchsichtiger rassistisch-stigmatisierender Absicht antichinesisch aufzuladen, wäre es freilich umgekehrt, die vor 40 Jahren festgestellten ersten Fälle einer neuartigen Immunschwächeerkrankung als deren Verursacher 1983 das HI-Virus identifiziert werden konnte und seither HIV oder Aids benannt wird, als „San-Francisco-“ oder „New York-Virus“ zu bezeichnen. Denn die ersten Meldungen gehen auf Erkrankungen in amerikanischen Städten durch die US-Gesundheitsbehörde CDC zurück – wenngleich die Herkunft des Virus wahrscheinlich in Westafrika liegt. Aber auch das ist noch nicht abschließend geklärt. Übrigens, „Der Spiegel“ hat seinen ersten Aids-Beitrag vor fast 40 Jahren noch unter dem ungustiösen Titel „Der Schrecken von drüben“ gedruckt.

Seuchenwellen Englands und Syphilis

Genauso ruchlos wäre es selbstredend auch, die tödlichen Seuchenwellen des 15. und 16. Jahrhunderts in England nach wie vor mit „Englisches Schweißfieber“ zu bezeichnen oder  etwa Syphilis heute noch „Franzosenkrankheit“ zu nennen. Epidemien und Pandemien sind eine viel zu ernste Angelegenheit um daraus politisches Kleingeld zu schlagen oder es mit selber Münze zurückzuzahlen.

Südafrika – Delta-Déjà-vu mit Omikron

Ein analoges Schicksal widerfährt aktuell Südafrika für seine Identifikation der Covid-Variante Omikron. Während die Wissenschaftsgemeinde voll des Lobes ist und der abermaligen ersten gelungenen Genomsequenzierung einer neuen Mutation Hochachtung zollt, wird das Land international dafür wie ein Sündenbock behandelt. Und das bereits zum zweiten Mal. Wie schon mit seiner Genomsequenzierungen der später Beta-Variante genannten Mutation im Dezember 2020, die medial zunächst nicht selten unter „neuer südafrikanischer Variante“ firmierte, hat Pretoria seine gute epidemiologische Überwachung, vorzügliche Genomsequenzierung und vorbildhafte internationale Informationspolitik nun auch noch auszubaden – obschon wohl weder Epizentrum noch Ursprungsort von B.1.1.529.

Covid-19 und Wuhan

Das gilt mittlerweile, nach eingehenderen Studien und Untersuchungen des internationalen WHO-Untersuchungsteams, Covid-19 betreffend übrigens von der medialen Öffentlichkeit unbeachtet auch für Wuhan. Zwar wurde es in Wuhan das erste Mal identifiziert (was Fachleuten rund um den Globus aufgrund der damals noch kärglichen Datenlage bis heute höchsten Respekt abverlangt) und spielt die Stadt auch eine wesentliche Rolle der globalen Pandemie, als Ursprungsort ist anstatt der Region Hubei (mit seiner Hauptstadt Wuhan) mittlerweile allerdings eher die Region Guangdong (mit seinen beiden Zentren Hongkong und Shenzhen) in den Fokus gerückt. Allerdings ist der eigentliche Ursprungsort auch der Fachwelt realiter nach wie vor unbekannt. Auch der Zeitpunkt zu welchem dem neuen Virus konkret der Sprung vom Wildtier zum Menschen und anschließende Menschen-zu-Mensch-Übersprung gelang, ist derzeit alles andere denn abschließend geklärt. Zumal es, wie die eingehendere seitherige Forschung an den Tag förderte, bereits im Herbst 2019 mehrere – später als Corona-bedingt identifizierte – Todesfälle aufgrund einer Lungenkrankheit bislang unbekannter Symptomatik in den USA, in Frankreich und Italien gab, die mangels eingehenderer Analyse jedoch zunächst als „Grippe-“Fälle rubriziert und ad acta gelegt wurden.

Entsprechend ist das Corona-Virus auf Basis heutigen Erkenntnisstands auch in den USA bereits ab September 2019 nachgewiesen (was nachträglich auch Gegenstand einer Anhörung des CDC im Kongress war), ebenso in Italien und laut jüngsten Nachuntersuchungen (eine übliche Praxis in Pandemien) in Frankreich bereits im August 2019. Der erste große Hotspot seiner aggressiven und hochinfektiösen Mutation kochte Ende 2019/Anfang 2020 dann bekanntlich freilich in Wuhan hoch. Allerdings fanden sich in der internationalen Nachuntersuchung und Spurensuche in Wuhan vorrangig ein Stamm-Typ der der Wissenschaftsgemeinde unter den drei ursprünglichen Corona-Hauptstämmen nicht als Ursprungsvariante von Covid-19 gilt, so dass Wuhan als Ursprungsort in der Wissenschafts-Community zunehmend in Zweifel gezogen wird. Auch wenn das im medialen Blätterwald bislang (noch) nicht Einzug gehalten hat.

Pandemiepolitische Fatalitäten

Wie dem auch immer. Jene Länder mit herausragenden Analysekapazitäten, einer vorbildlichen systematischen und koordinierten epidemiologischen Überwachung sowie internationalen Informationspolitik dafür auch noch als „Bauernopfer“ des eigenen Versagens an den Pranger zu stellen, ist nicht nur unlauter, oder als politisch motivierte Manöver zu dechiffrieren, sondern auch pandemiepolitisch ein Spiel mit dem Feuer. Angeblich haben eine Reihe Länder die neue Variante schon vor ihrer Sequenzierung Südafrikas bei sich entdeckt, aber die Information, um dem schon aus dem Vorjahr bekannten Schicksal Südafrikas zu entgehen, zurückgehalten. Stimmt das, wäre es fatal. Dementsprechend sah sich die WHO auch dazu veranlasst eindringlich davor zu warnen, dass ein derartiges ‚Krisen-Management‘ die „globalen Gesundheitsanstrengungen negativ beeinflussen“ könnte, „indem sie Länder davor zurückschrecken lassen, epidemiologische Daten und Sequenzierungsergebnisse zu veröffentlichen“. Nicht minder abträglich sind einer transparenten, international koordinierten Pandemiebekämpfung zugleich Länder oder Regionen stigmatisierende Benennungen von Virenstämmen, welche die WHO denn auch seit 2007 nach Kräften zu unterbinden trachtet.

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