1.11. – Demo zum Welt-Kobanê-Tag

Im Herbst 2014 hielt die Welt den Atem an, blickte gebannt auf die Stadt an der türkischen Grenzregion und fieberte quer durch die politischen Landschaften mit den Kurden und Kurdinnen in ihrem Kampf um Kobanê gegen die Mörderbanden des IS mit.

Das AKP-Regime der Türkei – im Inneren bereits damals im Stile eines Putschmilitärs regierend –  setzte außenpolitisch dagegen auf die breit gefächerte Unterstützung der Gotteskrieger des IS, in der Hoffnung sich in der Kollaboration mit der Terrormiliz dem kurdischen Autonomieprojekt an seiner Südgrenze und dessen regionaler Vorbildwirkung entledigen zu können. Die in der „Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien“ (politisch besser bekannt als rätedemokratisches Selbstverwaltungs-Projekt Rojava)  Gestalt annehmende Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts war den türkischen Eliten ein derartiger Dorn im Auge, dass es mit allen nur erdenklichen Mitteln – oder in Erdoğans eigenen Worten: „wie hoch der Preis auch sein mag“ – unterbunden und mit Stumpf und Stiel beseitigt werden sollte.

Der „Islamische Staat“ und andere djihadistische Gruppen wurden von Ankara denn auch nach Kräften mit Waffen, Geld, logistischer Unterstützung und Rückzugsräumen unterstützt.

Die unter anderem mit türkischer Unterstützung hochgerüstete und mit erbeuteten US-Waffen aus irakischen Beständen ausgerüstet Terrororganisation hatte nach der kampflosen Einnahme von Mosul ihr Augenmerk auf Nordsyrien und insbesondere auf Kobanê gerichtet. Nichts schien die Islamisten zu stoppen, nachdem Raqqa überrannt und die Hälfte Syriens für das selbsternannte „Kalifat“ beansprucht wurde. In Raqqa hatte sich der IS zudem reichlich mit russischen Waffen ausgestattet und marschierte direkt weiter auf Kobanê. Mit der Übernahme der Region wollte sich der IS eine weitere Verbindung zu seinen Nachschubwegen in die Türkei öffnen und der demokratischen Selbstverwaltung einen empfindlichen Schlag versetzen.

Allerdings, nach vier Monaten heroischen Widerstands und erbitterten Kampfes, gelang es den kurdischen FreiheitskämpferInnen der YPG und YPJ zusammen mit ihren kommunistischen Verbündeten aus der Türkei, internationalistischen Freiwilligen und militärischer Waffenhilfe dann im Herbst 2014 und Jänner 2015 bekanntlich Kobanê vollständig zurückzuerobern und zu befreien. Letztere waren vor allem deshalb von Bedeutung, da den heroischen VerteidigerInnen Kobanês dringend benötigte schwere Artillerie und panzerbrechende Waffen aufgrund ihrer Listung auf europäisch-transatlantischen „Terrorismus-“Verzeichnissen vorenthalten waren.

Wäre die Stadt gefallen, und noch Mitte Oktober 2014 standen die Kämpfe auf des Messers Schneide, wäre die Katastrophe vorprogrammiert gewesen und die kurdische Selbstverwaltung in der Region unter dem Kalifat der schwarzen Fahne in Blut ertränkt worden. Zugleich hätte sich das unter Abu Bakr al-Baghdadi  im Juni zuvor ausgerufene „Kalifat“, also Schreckensregime des Daesch, im Mittleren Osten geographisch und strategisch festgesetzt.

Letztlich aber gelang es den VerteidigerInnen Kobanês in opferreichen Häuserkämpfen und harten Gefechten um Straßenzüge und Stadtviertel sowie endgültigen Durchbrechung des Daesch-Belagerungsrings in einer 134 Tage tobenden Schlacht auf Leben und Toddie schwarze Fahne des IS hinwegzufegen und auf dem an die Stadt angrenzenden Hügel als Zeichen ihres errungenen Sieges Ende Jänner 2015 wieder das Banner des Fortschritts in den Boden zu pflanzen. Dergestalt stieg die Schlacht um Kobanê denn auch völlig zu Recht zum Symbol der Unbeugsamkeit des kurdischen Selbstbestimmungskampfes wie Widerstands gegen den IS-Terror auf.

Für das AKP-Regime und die heutige faschistische AKP/MHP-Koalition am Bosporus markiert der 26. Jänner 2015 und die nachfolgende Rückeroberung und Befreiung von 163 Dörfern rund um Kobanê jedoch eine schallende Schlappe und unvergessene Niederlage. Um das Fallen der symbolträchtigen kurdischen Stadt in den entscheidenden Wochen der wogenden Schlacht doch noch zu erzwingen, verwehrte das islamistisch-nationalistische AKP-Kabinett im Oktober zudem kurdischen und linken Freiwilligen der Türkei, die dem Kampf um Kobanê zur Hilfe eilen wollten, den Grenzübertritt und setzte sie in unmittelbarer Blickweite des Geschehens fest. Auch die Eröffnung eines Versorgungs- und Nachschub-Korridors für die eingeschlossenen KämpferInnen der Volksverteidigungseinheiten fegte die Türkei brüsk vom Tisch. Vor diesem Hintergrund entfalteten sich sowohl in der Türkei wie international breite Proteste gegen die türkische Unterstützung der djihadistischen Kalifat-Krieger und Demonstrationen für Kobanê. Selbst der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura forderte die Türkei parallel auf, doch zumindest die freiwilligen kurdischen KämpferInnen samt Waffen nach Kobanê zu lassen. Vergeblich. Das Regime in Ankara ließ auch die UNO kalt abblitzen.

Den heroisch erzwungenen Kampfausgang im Zeichen eines revolutionären Humanismus, einer umfassenden Frauenbefreiung, einer sozial-revolutionären Perspektive und einer direkten rätebasierten Demokratie und Selbstverwaltung, konnte allerdings auch Ankara nicht verhindern. Umso energischer, zusätzlich befeuert durch eine mittlerweile verfestigte tiefe Hegemoniekrise, rollt durch die Regionen heute ein Kriegs- und Rachefeldzug des AKP/MHP-Regimes gegen Rojava, die Medya-Verteidigungszone, die kurdische Freiheitsbewegung und die Linke, sowie gegen Gewerkschaften, die Frauenbewegung, StudentInnenproteste und Oppositionelle diverser Couleurs.

Und so liegen über der Rojava-Revolution und Kobanê mit grünem Licht des Westens – der NATO, der USA und EU-Europas – erneut dunkle Wolken. Teile Rojavas sind besetzt, andere akut bedroht und gerade wieder im verstärkten Visier türkischer Militäraggressionen. Gegen die Medya-Verteidigungsgebiete bzw. Kandil-Berge in Südkurdistan/Nordirak, die ihresteils wiederum bekanntlich als „Herz“, Rückzugs- und Transitraum der kurdischen und kommunistischen Guerilla gelten, tobt fern ab der Augen der Weltöffentlichkeit gleichzeitig seit Monaten ein weiterer schmutziger Krieg Ankaras – auch unter Einsatz geächteter chemischer Kampfstoffe. Den parallelen neuerlichen Luftoffensiven und Drohnenangriffen gegen Rojava wiederum, sind unlängst auch lang gediente und bekannte KommandantInnen der Frauen- und Volksverteidigungseinheiten YPJ und YPG zum Opfer gefallen – ohne das die mediale Öffentlichkeit davon Notiz genommen hat. Und in der Türkei wird die Solidarität mit Kobanê  vom „Palast“ in Ankara gerade auf die Anklagebank gezerrt. Mit dem sogenannten Kobanê-Prozess wird den politischen UnterstützerInnen der damals eingekesselten Stadt Westkurdistans in ihrem Kampf gegen die Schlächter des IS aktuell der Massenprozess gemacht. Mit diesem Schauprozess gegen die HDP soll am Standhalten Kobanês nun Rache genommen und die linke, pro-kurdische Demokratischen Partei der Völker verboten, justiziell ihrer Führung beraubt und politisch enthauptet werden.

In Solidarität mit den Menschen, die damals den Kampf um eine freiheitliche und demokratische Welt gewonnen haben, wurde der 1. November als internationaler Welt-Kobanê-Tag ausgerufen. Ihn auch heuer wieder zu begehen, ist umso dringlicher – weshalb auch wir, wie die letzten Jahre, mit „Rise Up for Rojava“ breit zur heurigen 1.November-Demonstration „Den türkischen Faschismus stoppen!“, 15.00 Uhr, Resselpark Wien aufrufen.

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