Inflation in der Eurozone – Ursachen und Irrlichter

Die Inflation in der Eurozone ist auf Rekordhöhen geklettert und erhitzt zu Recht die Gemüter. Die Kaufkraft schwindet angesichts der aktuellen Teuerungswelle immer mehr und ihre Haupttreiber schlagen mit voller Wucht auf unsere Geldbörsen durch. Gleichzeitig bleibt an der Preisfront vieles labil und führen zahlreiche Diskurse von interessierter Seite in die Irre.

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“

Dieses Bonmot von Karl Valentin dürfte die rauchenden Köpfe der Wirtschaftsforscher hinsichtlich der weiteren Inflationsentwicklung in der EU heute gut treffen. Die Mehrheit der Ökonomen-Zunft hält den massiven gegenwärtigen Inflationsanstieg in Europa allerdings für „temporär“. Und in der Tat sprechen eine Reihe plausibler Gründe dafür, dass sie sich in langer Frist wieder etwas einbremst und einpendelt. Denn, Hauptpreistreiber sind nach wie vor die Energiepreisexplosion und aktuell wirkende Sonderfaktoren wie verstopfte Lieferketten. Allerdings dürften die Lieferkettenprobleme länger anhalten als noch im Spätherbst prognostiziert und auch die Frachtraten des Containerverkehrs verweilen bisher stabil auf historischen Höhen. Zudem wirken auch die Restriktionen der Corona-Pandemie wellenmäßig weiter. Vor diesem Hintergrund warnt eine zunehmende Zahl an ÖkonomInnen demgegenüber von einer sich wechselseitig aufschaukelnden „Preislawinengefahr“. Eine solche scheint zwar weniger wahrscheinlich, aber ganz sicher ist sich auch niemand.

Entsprechend niedriger als die Preisexplosionen bei etwa Energie liegen gegenwärtig jedenfalls weiterhin die Teuerungsraten der Güter des täglichen Bedarfs, während – neben Basiseffekten (die heuer übers Jahr dann in abflachende Richtung drehen werden) – preistreibende Sonderfaktoren wie Lieferengpässe seitens des Großhandels oder Weltmarkts (nicht zuletzt bei wichtigen Vor- und Zwischenprodukten wie bspw. Halbleiter), Lieferschwierigkeiten der Autoindustrie, Kapazitätsgrenzen der Unternehmen und anziehende Öl- und Gaspreise bestimmte Gütersegmente in die Höhe bzw. durch die Decke schießen ließen. Preistreiber Nummer 1 für die einfachen Beschäftigtenhaushalte sind denn auch Heizöl, Gas, Strom und Treibstoff (aber auch Wohnen) – die die Inflation zudem noch eine eventuell geraumere Zeit als ursprünglich angenommen spürbar hochhalten werden.   

Und während die EZB in den letzten Jahren teils sogar mit deflationären Befürchtungen zu ringen hatte, kletterte die Teuerung im Euro-Raum aktuell mit 5% auf den höchsten Wert seit Euro-Einführung und wurde in Inflationsprognose für 2022 auf 3,2% angehoben.

Mit der Zins-Bazooka gegen die Inflation?

Unsinnig hingegen ist die von neoklassisch und monetaristisch orientierten ÖkonomInnen mit heißen neoliberalen Nadeln gestrickte Verortung der gegenwärtigen Inflation in der Geld- und Zinspolitik der EZB sowie deren Anleihekäufen. Letztere sollte zwar 2019 eigentlich auslaufen, wurde angesichts der Corona-Pandemie dann aber mit dem „Pandemic Emergency Purchase Programme“, oder kurz: PEPP-Aufkaufprogramm, zur Finanzierung der Abfederung der Pandemie zumindest bis Frühjahr 2022 verlängert. Mit der aktuellen Inflation hat diese Staatsfinanzierung über die EZB indes wenig bis nichts zu tun, auch wenn eine solche der weitverbreiteten sogenannten Quantitätstheorie fälschlich als grundsätzlich inflationär gilt. Ähnliches gilt hinsichtlich der Eurozone auch mit Blick auf die lockere Geldpolitik. Entsprechend verzweifelte die EZB trotz Geldschwemme zur Zuschüttung der Weltwirtschaftskrise seit 2008 und rigorosen Anleiheaufkäufen seit Ende 2009 (sowie Staatspapieren ab Frühjahr 2010) das letzte Jahrzehnt vielmehr geradezu an ihrer 2%-Zielmarke, anstatt damit zu kämpfen einer galoppierenden Inflation Einhalt gebieten zu müssen.

Damit sei – um keine unbeabsichtigten Missverständnisse aufkommen zu lassen – keiner unangebrachten Affirmation der EZB resp. ihrer konkreten (zudem durchaus widersprüchlichen) Politik das Wort geredet, aber gleichwohl der wieder Morgenluft schnuppernden Mainstream-Inflationstheorie sowie der wieder an Boden gewinnenden Beschwörung einer restriktiven Geldpolitik entgegengetreten. Zumal in Zeiten eines weiterhin fragilen Wirtschaftsaufschwungs, einer nach wie vor nicht überwundenen Pandemie sowie eines unumgänglichen, fundamentalen, sozial-ökologischen Umbaus unserer Produktionsweise – der ebenfalls mitnichten für lau zu haben sein wird.

Zudem sollte man die Macht der Zentralbanken auch generell nicht überschätzen – die Wirkmacht ihrer Geld- und Kreditpolitik haben Grenzen. Und auch die Frage, obschon von der Mainstreamökonomie zum unumstößlichen Glaubenssatz erhoben, ob und inwieweit Leitzinssätze die Entwicklungen überhaupt maßgeblich steuern oder (wie von nicht wenigen marxistischen und kritischen Geldtheoretikern vertreten) nicht vielmehr (in letzter Instanz) umgekehrt von diesen bestimmt werden, wäre eigentlich einer Erörterung wert, muss hier aber unterbleiben. Marx selbst war in der Banking-Currency-Kontroverse diesbezüglich auf alle Fälle allemal klar positioniert, wie sich auch „Das Kapital“ nicht geldtheoretisch von hinten aufzäumen lässt. Als Besonderheit der Eurozone gesellt sich zudem noch hinzu, dass die EZB auf die auseinanderklaffenden Inflationsraten der Euro-Länder (von aktuell 12% in Estland bis 2,8% in Portugal), sowie auf die immer stärkeren wirtschaftlichen Ungleichgewichte und Arbeitslosenraten im Euroraum nur mit einem (einheitlichen) Zinssatz reagieren kann – zum Behufe der einen und zum Schaden anderer. Die schlichten, zudem monokausalen geldpolitischen Theoreme diverser Couleurs jedenfalls, die Zentralbanken könnten quasi die Märkte und realwirtschaftliche Entwicklung regelecht dirigieren, sind theoretisch unhaltbar und widersprechen auch den empirischen Befunden und statistischen Korrelationen. Ihre ökonomischen Fähigkeiten und geldpolitischen Instrumente sind begrenzt und von zusätzlichen Voraussetzungen und anderen ökonomischen Faktoren abhängig – wenngleich ein „mächtiger Hebel“ (Marx). Und das gilt – einschränkend – natürlich gleichfalls für die keynesianistische Wunderwaffe „niedriger Zinses“. Gegen hohe Energiepreise, überlastete Lieferketten, oder Lieferschwierigkeiten in der Autoindustrie und damit einhergehende Preissteigerungen von Neuwagen sowie attraktiver werdenden Gebrauchtwagen oder verknappte Rohstoffe jedenfalls, können die Zentralbanken auch zinspolitisch nicht wirklich was ausrichten.

Das leidige Thema „monetäre Staatsfinanzierung“ und Inflation

In diesem Zusammenhang ist freilich auch ein Wort zur sogenannten monetären Staatsfinanzierung von Nöten, die dem Klippschul ABC der Ökonomie als automatisch inflationär gilt (und aus historischen Erfahrungen wie der deutschen Kriegsfinanzierung im Ersten Weltkriegs mit Hilfe der Notenbank samt anschließender Hyperinflation von rechten Geldtheoretikern schlichtweg verpönt wird). Das ist freilich Stuss. Zunächst einmal hat eine (unter entsprechenden Bedingungen) mögliche Inflation durch Ausweitung der Haushaltsdefizite so gar nichts mit dem Emittenten zu tun. Also ob sich Staaten über den Kapitalmarkt oder die Zentralbank refinanzieren. Entsprechend ist sie außerhalb der Eurozone denn auch in zahlreichen Ländern (freilich in unterschiedlichem Ausmaß) ohne großes neoklassisch-monetaristisches Aufhebens und Gezeter Usus. Ob nun in den USA, in Japan, in Großbritannien oder in Kanada. Als inflationstreibend auf Gütermärkten (inklusive Dienstleistungen) gilt die Geldmenge all diesen Ländern im Grunde zu Recht nur, wenn die mit Geld unterlegte reale Konsumnachfrag die produktiven Kapazitäten und Möglichkeiten der Volkswirtschaften überfordert. Freilich befeuern überbordende Geldschwemmen im Bereich der Vermögenswerte (vom Finanzmarkt, über Aktien, bis in den Immobiliensektor) Blasen, vereinfacht: Inflationen im Finanzsektor. Und die darin beinhalteten ökonomischen Gefahren und Krisenpotentiale sowie sozialen Problemlagen und Widersprüche, nicht zuletzt auch Verteilungswirkungen, sind ernste Fragen. Nur hat das wenig bis gar nichts mit einer vermeintlich automatischen Inflation und Teuerungswellen auf Gütermärkten durch monetäre Staatsfinanzierungen zu tun.

Allerdings weist die sogenannte „monetäre Staatsfinanzierung“ natürlich Besonderheiten auf: allem voran jedoch die, einer souveränen Finanzierung. Sind die Notenbanken staatliche oder öffentliche Organisationen des Staats, dann hat der Staat bei direkter Refinanzierung durch seine Zentralbank sonach Verbindlichkeiten und Forderungen in der gleichen Höhe, und die Zinsen, die er zu zahlen hat, erhält er von seiner Zentralbank als Gewinnausschüttung wieder zurück. Und das gilt modifiziert um die Besonderheiten der EZB als überstaatliche Institution der Euro-Länder ebenso für den Euro-Raum. Letztlich gehört auch die EZB den Euro-Staaten. Die Schulden der der Euro-Länder an die EZB sind demzufolge ebenfalls Schulden der Staaten an sich selbst. Und die Europäische Zentralbank könnte die staatlichen Schuldscheine und Anleihen auch in 100, 200 oder 500-jährige Anleihen umwandeln, oder auf unbegrenzte Zeit halten und damit de facto stilllegen, bzw. auch formell ausbuchen oder langfristig abschreiben – ohne das irgendwas passieren würde. Und auch die Inflation ist mitnichten automatische Folge des Anwerfens der staatlichen Druckerpresse oder einer abstrakten Geldmengenausweitung, sondern hängt – wenn schon – mit der nachfragewirksamen Geldmenge bei voller Kapazitätenauslastung zusammen. Von einer Vollauslastung der produktiven Kapazitäten der europäischen Volkswirtschaften, eines Nachfrageüberhangs der KonsumentInnen (demand pull) und Vollbeschäftigung sind wir aber meilenweit entfernt. Die Konsumnachfrage ist vielmehr weiterhin schwach, die Beschäftigten hatten in der Wirtschafts- und Coronakrise massive Einbußen hinzunehmen, die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, viele Kleingewerbetreibende mussten ihre Rücklagen auflösen … und die produktiven Kapazitäten der europäischen Volkswirtschaften weisen denn auch alles andere als eine „inflatorische (Angebots-)Lücke“ auf, die die Preise treiben würde. 

Profite und Geopolitik als unterbelichtete Inflationsursachen

Natürlich ist Inflation andererseits auch kein Naturereignis, sondern (soweit sich darin nicht reale Werterhöhungen widerspiegeln) „wird gemacht“ – wie es der Ökonom Wolfram Elsner unlängst griffig auf den Punkt brachte. In dieselbe Kerbe schlug mit Nachdruck auch gerade die Ökonomin Isabella Weber im „Guardian“: „ein kritischer Faktor, der die Preise treibt, (ist) bislang weitgehend übersehen worden: die Explosion der Profite“. „Wir verfügen“ daher, so Weber weiter, auch „über eine wirkungsvolle Waffe im Kampf gegen die Inflation: Preiskontrollen“.

Nicht zufällig befeuerte denn auch der ökonomische Monopolisierungsprozess an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert geschichtlich den Inflationstrend. Und sie ist realiter auch um einiges höher als offiziell ermittelt und ausgewiesen. (Aufgrund der verzerrten bis manipulativen Zusammensetzung des ihr zugrunde gelegten Warenkorbs der herangezogenen Güter und Dienstleistungen, einfließender sogenannter hedonischer Preisgewichtungen bzw. – bereinigungen, Formen der Preisermittlung, …)

Dazu – in Parenthese als nochmals werttheoretische Anmerkung –, bewegt sich diese Inflationsmessung stets ausschließlich auf Preisebene.In ihr werden Preissteigerungen und Inflation denn auch weitgehend als Synonyme gefasst. Werttheoretisch ist dies allerdings schon deshalb seinem Kern nach fragwürdig, sofern sich in Preissteigerungen (auch) reale Werterhöhungen widerspiegeln (können). Aus arbeitswerttheoretischer Sicht ließen sich am gängigen Inflationsbegriff vielmehr schon allein dahingehend begründete Zweifel seiner theoretischen Tragfähigkeit anmelden und diese Sorte von Preissteigerungen als nichtinflationär fassen. Viel grundsätzlicher aber noch: werttheoretisch gilt dann jedoch auch umgekehrt, dass nicht (oder nur unzureichend) in Preissenkungen Eingang findende Arbeitsproduktivitätssteigerungen als Inflation zu fassen sind. D.h., dass wiederum nicht bloß die von der Statistik erfassten und berechneten Preiserhöhungen bei Wertkonstanz inflationär sind, sondern darüber hinaus auch die über Produktivitätsfortschritte erwirkten Wertsenkungen bei Preiskonstanz. Denn warum dies in sozusagen umgekehrte Richtung werttheoretisch anders beurteilt werden sollte, erschließt sich nicht. Das widerspricht natürlich komplett dem üblichen Inflations-Verständnis und Sprachgebrauch. Und ist, bezöge man die marxistische Geldtheorie noch mit ein, nochmals komplizierter – aber nur ein Fingerzeig und im hiesigen Zusammenhang nicht näheres Thema. Einzig, wenn auch kaum berechenbar oder empirisch unterfüttert:es scheint gleichviel keine allzu gewagte These, dass damit die reale inflationsbedingte Umverteilung des produzierten Mehrwehrt zu Gunsten des Kapitals sowie die Geldentwertung der Löhne viel höher ist, als in der herkömmlichen Inflationsberechnungen ausgewiesen.

„Zum anderen“, worauf auch machtpolitisch-geostrategische Inflationsursachen namhaft machend, insbesondere der Ökonom Lukas Zeise gerade den Finger legte, „wurde das Angebot an Rohöl systematisch reduziert, indem der Westen die beiden großen Ölexportstaaten Iran und Venezuela mit Sanktionen belegt hat. Der Gaspreis ist … durch den Machtpoker mit Russland und die Behinderung langfristiger Lieferverträge hochgetrieben worden. Die mit dem potentiellen Großanbieter Iran geplanten Pipelines wurden gestoppt.“ Aber während etwa Russland schon seit letzten Herbst seine Bereitschaft bekundet hat per entsprechender Vertragsschlüsse seine Erdgaslieferungen aufzustocken und nun zudem auch die Pipeline Nord Stream 2 für Gaslieferungen startklar wäre und sich damit „die Preise auf dem europäischen Markt stabilisieren“ ließen, wie europäische ExpertInnen und Gazprom unisono unterstreichen, üben sich – an vorderster Front die neue deutsche olivgrüne Außenministerin Annalena Baerbock – die maßgeblichen politischen Figuren EU-Europas lieber als Kalte KriegerInnen.

Während mithin die Inflation gegenwärtig in lange nicht mehr vorhandenem Maß auf die Einkommen wie Lebensverhältnisse drückt und unsere Löhne, Gehälter, Sozial- und Versicherungsleistungen und Pensionen entwertet, führen die Wegweiser der mainstreamökonomischen Analphabeten auch noch vollends in die Irre.

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