Bedrohte Sprachenvielfalt, Weltperspektiven und die indigenen Sprachgruppen der Zapatistas und Mexikos

Die Zapatistas sind in Europa und demnächst auch in Wien und Österreich. Das ist ein guter Anlass, um sich mit indigenen Sprachen und Kulturen im Allgemeinen, mit denen in Chiapas weit verbreiteten Maya-Sprachen im Besonderen auseinanderzusetzen. Heute gilt etwa ein Drittel aller Sprachen auf der Welt als bedroht und der größte Teil davon sind indigene Sprachen. Das emanzipatorische zapatistische Bildungssystem unterrichtet daher sowohl die jeweils lokale indigene Sprache als auch Spanisch.

Einführendes

Arbeit, Gesellschaft und Sprache sind in ihrer Verschränkung das wesentliche Merkmal, das uns Menschen als Gattungswesen selbst gegenüber unseren nächsten Verwandten im Tierreich unterscheidet. Mit den natürlichen körperlichen Voraussetzungen (aufrechter Gang, Freisetzung der Hand usw.) fließen in die Menschwerdung die mit ihnen in Wechselwirkung befindlichen instinktive Vorformen von Arbeit (tierischer spontan-sporadischer Werkzeuggebrauch), Gesellschaftlichkeit (tierische Geselligkeit) und Sprache (tierische Kommunikation) als grundlegende Elemente ein.

„Die mit der Ausbildung der Hand, mit der Arbeit, beginnende Herrschaft über die Natur erweiterte bei jedem neuen Fortschritt den Gesichtskreis des Menschen. An den Naturgegenständen entdeckte er fortwährend neue, bisher unbekannte Eigenschaften. Andrerseits trug die Ausbildung der Arbeit notwendig dazu bei, die Gesellschaftsglieder näher aneinanderzuschließen, indem sie die Fälle gegenseitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und das Bewusstsein von der Nützlichkeit dieses Zusammenwirkens für jeden einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin, dass sie einander etwas zu sagen hatten.“ (Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, Marx-Engels-Werke 20: 446)

Die sich in und aus der gemeinschaftlichen Arbeit ergebenden praktischen Erkenntnisse über die Welt werden als Sprache im Denken reflektiert und mittels Sprache anderen Mitgliedern der Gesellschaft kommuniziert. So wie Elemente der Tätigkeit, Werkzeuge und Erkenntnisse sich aus der konkreten Situation, wie und wo sie eingesetzt und gewonnen wurden, abheben, also verallgemeinern lassen, so lässt sich Sprache in Denken und Kommunikation ebenfalls aus der konkreten Situation abheben und reflektiert so Allgemeines außerhalb einzelner Köpfe. (Beides können Tiere nicht.) „Die Sinne zeigen die Realität. Denken und Wort das Allgemeine.“ (Lenin, Philosophische Hefte, Lenin-Werke 38: 261). So ist Sprache dann „das praktische, auch für andere Menschen existierende wirkliche Bewusstsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewusstsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit anderen Menschen … Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache.“ (Karl Marx und Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Marx-Engels-Werke 3: 30 und 432)

Arbeit, Gesellschaft, Sprache entstanden und verschränkten sich also miteinander und bildeten einen unauflöslichen Zusammenhang, der den Menschen als biopsychosoziale Einheit wesentlich charakterisiert. Die Sprachfähigkeit des heutigen Menschen ist also als Hardware angeboren. Diese Hardware besteht aus anatomischen und geistigen Grundlagen und ermöglicht, dass jeder Mensch als Kind im Prinzip jede Sprache als Muttersprache entwickeln kann. (Für gewöhnlich sind es mehrere Sprachen; westliche Industrienationen bilden mit dem Umstand, dass in der Regel nur eine Muttersprache erworben wird, weltweit gesehen eher eine Ausnahme.)

Universalgrammatik

Spracherwerb geschieht also auf der Grundlage der angeborenen Sprachfähigkeit und dem sprachlichen Input, den Kinder bekommen. Sprache entsteht nicht von selbst wie Gehen und wird auch nicht klassisch gelernt wie Schreiben. Sprache wird im Wechselspiel der Hardware und dem Input in Kinderköpfen geformt. Ein Teil der Hardware sind die grundlegenden allgemeinen Regeln über die Bausteine der Sprache, die für alle Sprachen gleich sind.  Das sind die Zusammensetzungsregeln von Lauten bzw. Gesten zu Wörtern und von Wörtern zu Sätzen. Diese Regeln werden oft als Universalgrammatik bezeichnet. Heute existieren Schätzungen zufolge um die 7000 verschiedenen Sprachen. So unterschiedlich diese Sprachen auf den ersten Blick sein mögen, sie alle verfügen über dieselben Regeln.

Tzeltal (siehe unten): Yak[andauernde Handlung] j[ich]-kolta[helfen]-bel[Aspektlosigkeit]-at[dir] „Ich helfe Dir.“

Die sogenannten morphologischen Regeln, nach denen die Bausteine (Morpheme) des Tzeltal-Verbs jkoltabelat zusammengesetzt sind, sind genau dieselben sogenannten syntaktischen Regeln, nach denen wir den entsprechenden deutschen Satz zusammensetzen. Der Unterschied von Sprachen ist also oberflächlich und von ähnlicher Art wie, dass man im Deutschen helfen sagt, im Tzeltal aber kolta.   

Die sprachliche Hardware hat auch eine philosophisch-politische Dimension. Denn dass bei allen Unterschieden unsere Sprachen letztlich denselben Regeln folgen (was ja auch durch die prinzipielle Übersetzbarkeit jeder Sprache in jede andere zum Ausdruck kommt), bedeutet, dass wir Menschen alle dieselbe Vernunft teilen.

Unabhängig von den grammatikalischen Unterschieden ist die Sprache als unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens der Individuen der Gesellschaft sowie als gemeinschaftliches Reflexions-, Kommunikations- und Erkenntnismittel in allen menschlichen Zusammenhängen (von den Produktionsverhältnissen bis zu Philosophie und Ästhetik) in ihrer Gesamtheit Ausdruck der Sicht des Menschen auf die Welt. Die sich in der Sprache und als Sprache ausdrückende Weltperspektive steht in Wechselwirkung mit den Produktionsverhältnissen, also der ökonomischen Basis, die ihrerseits in Wechselwirkung mit einem rechtlichen, politischen sowie wissenschaftlichen, künstlerischen, ideologischen Überbau verschränkt ist.

Sprache ist dem Basis-Überbau-Komplex aber sowohl vorgeordnet als auch durchdringend und übergreifend. Das bedeutet einerseits, dass Sprache und die in ihr angelegten Weltperspektiven sich als relativ konstant gegenüber sozioökonomischem Wandel erweisen. Das bedeutet andererseits aber auch, dass Sprache in ihrer Erkenntnisfunktion einen Beitrag zum Wandel von Wirklichkeit leisten kann; zum Beispiel, indem klar herausgearbeitet wird, dass Wörter soziale Verhältnisse auch verschleiern können: ein/e Arbeiternehmer/in ist im Standardsprachgebrauch jemand, der/die eigentlich seine/ihre Arbeitskraft verkauft, also seine/ihre Arbeit gibt, während ein/e Arbeitergeber/in jemand ist, der sich die Arbeitskraft von jemand anderem aneignet, also seine/ihre Arbeit nimmt.  

Indigene Sprachen

Die kolumbianische Epoche, die für ökonomische, technologische, politische, ideologische Dominanz des Westens über die Länder des Trikonts und die Unterdrückung der indigenen Kulturen weltweit steht, begann vor 500 Jahren. Die letzten Jahrzehnte markieren mit der von KPCh getragene Entwicklung der Volkrepublik China von einem armen abhängigen Land zur Industrienation und zum Globalplayer sowie mit Aufständen von Indigenen wie jener der Zapatistas gegen Diskriminierung, Ausbeutung und Unterdrückung den Anfang vom Ende der kolumbianischen Epoche.

Indigen werden Sprachen von Ethnien genannt, auf die folgende vier von der UNO mitausgearbeiteten Kriterien in der einen oder anderen Weise zutreffen: 1. relativ gesehen erste Nutzung/Besiedlung eines Territoriums; 2. freiwillige Bewahrung kultureller Besonderheiten (gegenüber der Mehrheitsbevölkerung), insbesondere, was Sprache, Produktionsweisen, Gesellschaftsorganisation, Institutionen, Religion und spirituelle Werte betrifft; 3. Selbstidentifikation und Anerkennung durch andere als eine eigenständige Gemeinschaft; 4. Erfahrung von Enteignung, Ausschluss, Marginalisierung, Unterdrückung oder Diskriminierung (wobei diese Bedingungen fortbestehen können oder nicht).

Die Grenze zwischen Minderheitensprachen und indigenen Sprachen lassen sich nicht immer leicht ziehen, doch die allermeisten indigenen Sprachen sind Sprachen nationaler Minderheiten. Von den 7000 heute gesprochen Sprachen auf der Welt gelten um die 4000 als indigen. Diese Sprachen werden nach UNO-Schätzungen von etwa einer halben Milliarde Menschen verteilt über 5000 verschiedene Ethnien in über 70 Ländern gesprochen.

Die enorme Vielfalt an indigenen Sprachen lässt sich mit ein paar eindrucksvollen Beispielen illustrieren. Die überwiegende Mehrheit der acht Millionen in Papua-Neuguinea lebenden Menschen gehört zu einer von mehr als 700 indigenen Ethnien, die 851 verschiedenen Sprachen sprechen, die wiederum mehr als 60 verschiedene Sprachfamilien angehören. In den Amerikas leben in etwa eine Milliarde Menschen, von denen 10 Prozent mindestens eine von mehr als 1000 indigenen Sprachen sprechen, die sich nach eher konservativen Schätzungen in 221 Familien einteilen lassen. Um wie viel reicher die Sprachenwelt Amerikas, Asiens und Afrikas vor dem gewaltsamen Eindringen des westlichen Kolonialismus gewesen sein mag, lässt sich nur erahnen.

Sprachen Mexikos

In Mexiko werden 68 Sprachen offiziell anerkannt, 63 sind indigene Sprachen. Diese teilen sich in um die 350 Varietäten, die zu sieben Sprachfamilien und fünf isolierten Sprachen (die man bisher keiner anderen Sprachfamilie zuordnen kann) gehören. In Mexiko gibt es 16 indigene Sprachen mit mehr als 100.000 Sprechenden, mehr als in jedem anderen amerikanischen Land. Etwa zehn Prozent der mexikanischen Bevölkerung haben indigene Sprachen als Erstsprache. Die Nahua-Sprachen, die (wie die Sprachen der Hopi und Comanchen in den heutigen USA) zur uto-aztekischen Sprachfamilie gehören, werden von 1,7 Millionen Menschen gesprochen. Die zur Otomangue-Sprachfamilie gehörenden Sprachen Mixtekisch und Zapotekisch werden jeweils von einer halben Million Menschen gesprochen. Die Sprachen der Maya-Familie wie Mayathan (oder Yukatekisches Maya) und die hauptsächlich in Chiapas gesprochenen Sprachen Tzeltal und Tzotzil werden von etwa zwei Millionen Menschen gesprochen. In Chiapas gibt es 56 indigene Sprachen, von den 111 Gemeinden haben 99 eine Mehrheit an indigener Bevölkerung, in 36 gehören mehr 90% zu indigenen Gemeinschaften.   

Wenig bekannt ist, dass neben Ägypten, Mesopotamien und China, Zentralamerika einer der Plätze ist, wo eine Schrifttradition unabhängig entstanden ist. Vor der kolonialen Eroberung gab es 15 verschiedene einheimische Schriftsysteme in Zentralamerika, dessen Schrifttradition in das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung zurückreicht. Das bedeutendste Schriftsystem war die Maya-Schrift, die seit den ersten Jahrhunderten v.u.Z. belegt ist und die klassische Maya-Sprache wiedergibt. Heute sind Inschriften auf Wänden und aus Stein und leider nur mehr ein kleiner Rest an Maya-Büchern (Kodizes) erhalten, deren Löwenanteil von den kolonialen Eroberern zerstört worden ist. Auch Nahuatl, das klassische Aztekisch, wurde geschrieben und dessen Werke von Conquistatores vernichtet.       

Bedrohte Sprachenvielfalt

Die meisten indigenen Sprachen sind auch heute noch stark bedroht. Als bedroht gilt eine Sprache dann, wenn die Tendenz besteht, dass sie nicht mehr als Muttersprache an folgende Generationen weitergegeben wird und damit ausstirbt. Latein zum Beispiel ist in diesem Sinne keine ausgestorbene, also tote Sprache, da es eine ungebrochene Kette von Generation von Sprechenden gibt, welche die heutigen romanischen Sprachen mit dem Latein Caesars verbindet, zumindest mit derjenigen Variante, die er zuhause gesprochen hat. Heute gilt etwa ein Drittel aller Sprachen auf der Welt als bedroht und der größte Teil davon sind indigene Sprachen. Damit ist die kulturelle und sprachliche Vielfalt der Erde ebenso in Gefahr wie ihre biologische. Für die Bedrohung indigener Ethnien und ihrer Sprachen verantwortlich sind sowohl physische Faktoren wie Kriege, Genozid und Naturkatastrophen, zu denen freilich auch die Auswirkungen der Klimakrise gehören und soziale Faktoren wie kulturelle, politische, ökonomische Marginalisierung und offene Repression.

Jeder Sprachtod bedeutet das Ende einer besonderen Perspektive auf die Welt und den Verlust des in dieser Sprache tradierten ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wissens. Hier geht es nicht um Esoterisches. Indigene Gemeinschaften haben häufig nachhaltigere und nicht auf Profit orientierte Natur- und Produktionsverhältnisse sowie – wohl nicht ganz zufällig – darauf aufbauend egalitär solidarische Gesellschafts- und Politikformen, z.B. das in Chiapas gepflegte partizipativ-demokratische Prinzip huoc ta huoc (Tzeltal für „sammeln, wiedergeben und wieder sammeln“), das eine Vielzahl von Perspektiven in politische Entscheidungsprozesse reflektieren und einbringen soll. Doch auch was Fakten und das Wissen um Zusammenhänge betrifft – wie das prominente Beispiel der Klassifikation und Nutzung von Pflanzen für medizinische Zwecke – gäbe es viele Bereiche, in denen mehr Austausch mit indigenen Ethnien wünschenswert wäre.

Natürlich geht es hier nicht um bloße Übernahme, sondern kritische Auseinandersetzung im Dialog mit indigenen Gemeinschaften, die es erlauben fortschrittliche Traditionen im Hegel’schen Sinne aufzuheben (negieren, bewahren, auf eine höhere Stufe heben) und im Kampf dafür, dass „der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also … alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW 1: 385) zu nutzen.

Dass jede Auseinandersetzung mit anderen Sprachen und die Aufnahme des in ihnen überlieferten Wissens positive Auswirkungen haben kann, zeigt ganz eindrucksvoll die europäische Renaissance und die auf sie aufbauende Aufklärung. Diese wären ohne Kontakt mit der vielsprachigen und multikulturellen islamischen Zivilisation des Mittelalters, in welcher das Wissen aus ganz Eurasien zusammenlief und über welche auch die griechisch-lateinische Antike in Europa wiederentdeckt wurde, nicht möglich gewesen. In diesem Sinne ist zu hoffen, dass der Zug der Zapatistas auch einen Beitrag zum besseren Verständnis von und Austausch mit indigenen Sprachen und Kulturen im gemeinsamen Kampf für eine andere Welt markieren wird.   

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