Kippelemente des Klimasystems – und warum die Zeit drängt, Maßnahmen zu ergreifen

Was sind Kippelemente und warum drängt die Zeit, um vom Menschen verursachte Treibhausgasemissionen drastisch zu verringern? Werden die Klimaziele verfehlt, droht der Klimawandel zum Selbstläufer zu werden und dabei völlig außer Kontrolle zu geraten.

In den letzten 12.000 Jahren schwankten die Durchschnittstemperaturen maximal um 1 °C

Neben Plattentektonik und kosmischen Ursachen sind atmosphärische Bedingungen bestimmend für das Klimasystem unseres Planeten. Treibhausgase wirken in der Atmosphäre, indem sie Sonnenlicht fast ungehindert zur Erde durchlassen, die Wärmeabstrahlung der Erde jedoch zurückhalten. Dieser Effekt ist grundsätzlich wichtig, da es ohne Treibhausgase auf der Erde durchschnittlich minus 18°C hätte. Wasserdampf ist dabei überwiegend für den natürlichen Treibhauseffekt verantwortlich.

In den letzten 12.000 Jahren schwankten die weltweiten Durchschnittstemperaturen um weniger als 1°C. Diese stabilen Bedingungen trugen auch entscheidend zur Entwicklung der Menschheit bei. Seit Beginn des Industriezeitalters (1750) wird der menschlich verursachte Treibhauseffekt jedoch zunehmend bedeutender, verstärkt den natürlichen Treibhauseffekt und verändert das Klima auf unserem Planeten entscheidend. Vor allem die Verbrennung fossiler Energieträger (Öl, Gas und Kohle), aber zu weitaus kleineren Teilen auch (Massen-)Tierhaltung, Abholzung oder fluorierte Gase haben dazu geführt, dass die Treibhausgaskonzentration seit den 1950ern die Spitzen der zumindest letzten 800.000 Jahre deutlich überschreitet – mit stark steigender Tendenz. Diese Entwicklung kann einzig durch menschlich verursachte Treibhausgasemissionen erklärt werden.

Treibhausemissionen

Klimaziele und Realität

Damit das Klimasystem nicht kippt, gehen alle ExpertInnen davon aus, dass sich die weltweite Durchschnittstemperatur maximal um +1,5°C bis +2°C erhöhen darf. Dass die Kippelemente aber viel instabiler sind als gedacht, zeigt das Auftauen des Dauerfrostbodens in Kanada, das auf heurigem Niveau erst für 2090 erwartet wurde. Um die Erderwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 66 Prozent auf maximal +2°C zu beschränken, steht der Menschheit bis 2050 ein geschätztes Budget von 750 Mrd. Tonnen CO2-Äquivalenten zur Verfügung, danach muss der völlige Ausstieg aus fossilen Energieträgern vollzogen sein. Statt einer dringend notwendigen Verringerung des Ausstoßes sind die Treibhausgasemissionen 2018 weltweit um +2 Prozent gestiegen. In Österreich ist der Ausstoß von CO2-Äquivalenten 2018 zwar um –3,8 Prozent zurückgegangen (nachdem er 2017 um +3,3 Prozent gestiegen war), hier schlagen sich aber maßgeblich Wartungsarbeiten eines Hochofens bei der Voestalpine und – durch die mildere Witterung – der Klimawandel selbst nieder. Die Emissionen im Sektor Verkehr sind demgegenüber weiter gestiegen. Bei derzeitigem Ausstoß ist das globale Treibhausgasbudget in acht bis neun Jahren aufgebraucht.

Die Klimakrise als drängendste Frage der Menschheit

Die Klimaziele sollen verhindern, dass Kippelemente des Erdsystems destabilisiert werden und der Klimawandel durch selbstverstärkende Rückkopplungseffekte völlig außer Kontrolle gerät. Als Bestandteile des Erdsystems mit überregionaler Bedeutung können Kippelemente bereits durch kleine äußerliche Störungen in einen neuen, nicht mehr umkehrbaren Zustand versetzt werden. Durch schleichende oder sprunghafte Entwicklungen verändert sie schließlich die Funktionsweise des Erdsystems derart, dass sie mit ihm auch menschliche Lebensgrundlagen selbst gefährden:

  • Das Auftauen der großen Eiskörper führt durch fehlende Reflexion der Sonnenstrahlung zu steigender Erwärmung, durch Freisetzung riesiger Mengen von eingelagertem Kohlenstoffdioxid und Methan zu steigender Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre und über längere Zeit zu einem Anstieg des Meeresspiegels um mehr als 10 Meter (arktisches Meereis, Grönlandeispanzer, westarktischer Eisschild, ostantarktischer Eisschild, Permafrostböden).
  • Die Veränderungen der Luft- und Meeresströmungen führen zu langanhaltenden Großwetterlagen mit Kälte- und Hitzewellen sowie Dürren und Überflutungen, zu genereller Austrocknung und Dürre u. a. in Australien, Südostasien und im Südwesten der USA, zu abwechselnd extremen Dürre- und Flutkatastrophen in Südasien sowie zu einer Gefährdung des Ökosystems des Meeres (Jet-Stream, Golfstrom, El Nino, Monsundynamiken, Ausdehnung der subtropischen Trockenzone).
  • Der vom Menschen verursachte CO2-Ausstoß und die folgende Erderwärmung führen (neben der Abholzung z. B. der Regenwälder) über veränderte Niederschlagsmuster, Trockenheit, Schädlingsbefall, Feuer, Stürme sowie die Erwärmung und Versauerung der Meere zum Wegfall von Kohlenstoffsenken, zu einem reduzierten Kohlenstoffaustausch zwischen Atmosphäre und Biosphäre sowie zu einem Arten- und Korallensterben (Amazonas-Regenwald, nordische Nadelwälder, maritime Kohlenstoffpumpe).
  • Die Veränderung der Wolkenbildung ab ca. +4°C weltweiter Durchschnittstemperatur führt über den Wegfall von Sonnenlichtreflexion und der dadurch bedingten Erwärmung der Ozeane zu steigenden Treibhausgasemissionen (Wasserdampf als natürliches Treibhausgas). Damit droht ein drastischer Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf +12°C.

Handeln ist dringend notwendig – im Großen wie im Kleinen!

Wachstumszwang und Profitmaximierung zur Anhäufung von Reichtum in den Händen einer Minderheit verbrennen den Planeten und damit auch die ökologischen Lebensgrundlagen der Menschheit. Allein 100 Konzerne (Öl, Gas und Kohle) sind für 70,6 Prozent der CO2-Emissionen von 1988 bis 2015 verantwortlich. Der notwendige schnellstmögliche Ausstieg aus fossilen Energieträgern gefährdet allerdings die Profitinteressen der Energiekonzerne, erzeugt dementsprechend heftige Widerstände bis hin zur Leugnung des Klimawandels und zeigt somit deutlich die ökologischen Grenzen des Kapitalismus auf. Zugleich stellt die Klimakrise auch unsere gewohnte Lebensweise infrage. Die reichsten 10 Prozent der Menschheit sind für die Hälfte der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die ärmste Hälfte verursacht gerade einmal 10 Prozent der Emissionen, wird den Auswirkungen des Klimawandels allerdings am stärksten ausgesetzt sein. Daraus ergibt sich auch, dass einer globalen Mittelschicht (40 Prozent der Menschheit) 40 Prozent der Treibhausgasemissionen zuzurechnen sind. Das spiegelt sich auch darin wider, dass bei den Emissionen der obigen 100 Konzerne 10 Prozent in der Bereitstellung der fossilen Energieträger, aber 90 Prozent bei deren Konsum entstehen: bei Treibstoffverbrauch oder Strom- und Wärmeerzeugung auf der Produktions- und Konsumseite einer imperialen Lebensweise. Für Österreich bedeutet die Erreichung der notwendigen Verringerung der Treibhausgasemissionen, dass wir konsumbasiert von durchschnittlich grob 14 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Kopf und Jahr bis 2050 schrittweise auf circa eine Tonne reduzieren müssen, sollen die schlimmsten Folgen der Klimakrise vermieden werden. Allein ein Hin- und Rückflug nach New York verursacht beispielsweise 2,5 Tonnen Treibhausgasausstoß pro Person, 4.000 Autokilometer 1,0 bzw. 1,1 Tonnen (Benzin bzw. Diesel, 7 Liter Verbrauch). Da wurde noch nicht geheizt, kein Strom konsumiert, nichts gegessen …

Es gilt: Je später und je geringer die Verringerungen des Treibhausgasausstoßes, desto drastischer müssen die folgenden Maßnahmen ausfallen bzw. desto unrealistischer ist es, ein Kippen des Erdsystems abzuwenden. Wie oben erwähnt, ist das globale Treibhausgas-Budget beim derzeitigen Emissionsniveau bereits in acht bis neun Jahren aufgebraucht. Ein unmittelbarer und entschiedener Beginn des Ausstiegs aus fossilen Energieträgern ist daher unumgänglich! Ebenso notwendig ist ein gerechtes und nachhaltiges Wirtschaftssystem! Und schließlich ist auch die Veränderung der eigenen Konsummuster notwendig – Emissionen können nicht durch Geldbeträge kompensiert werden, man kann vermeintlich sein Gewissen erleichtern, die Klimakrise damit aber nicht abwenden!

Autor: Matthias Koderhold / übernommen von A&W-Blog

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