Finanzvermögen schossen 2019 durch die Decke

Der Allianz Global Wealth Report 2020 hat ein weiteres Mal einen Blick auf die Entwicklung der Finanzvermögen in 57 Ländern geworfen, die sich fast gänzlich aus Ländern in Nord- und Lateinamerika, West- und Osteuropa, Asien und Ozeanien zusammensetzen. Afrika ist in der Auswertung nur durch Südafrika vertreten. 2019 ist das, entsprechend der Länderauswahl, globale Bruttofinanzvermögen um beachtliche + 9,7 % gestiegen. Das war der stärkste Anstieg seit der großen Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahrzehnt zuvor und in den hochentwickelten Volkswirtschaften sogar seit der Jahrhundertwende. Den größten Vermögenszuwachs verzeichneten 2019 Nordamerika und Ozeanien.

In Summe verfügten die privaten Haushalte und der Non-Profit-Bereich der betrachteten Länder über 192 Billionen Euro Bruttofinanzvermögen. Das entsprach mit 270 % fast dem dreifachen der jährlichen Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) der untersuchten Länder. Nordamerika und Westeuropa vereinten rund 68 % des Bruttofinanzvermögens auf sich.

Pro Kopf betrachtet zeigt sich eine enorme regionale Ungleichheit: Das Bruttofinanzvermögen in Nordamerika war um das 33fache höher als jenes in Osteuropa. Österreich lag mit einem Bruttofinanzvermögen im Ausmaß von 81.619 Euro pro Kopf an 18. Stelle im Länderranking, das von der Schweiz (294.535 Euro), den USA (254.328 Euro) und Dänemark (171.248 Euro) angeführt wurde.

Werden die Nettofinanzvermögen (Bruttofinanzvermögen abzüglich Schulden) betrachtet, ergab sich 2019 im Ländersample mit + 11,1 % ein noch stärkerer Zuwachs als beim Bruttofinanzvermögen. Österreich wies ein Nettofinanzvermögen von 531 Milliarden Euro auf und damit einen Zuwachs von + 7 % im Jahresvergleich. Pro Kopf lag Österreich mit 59.256 Euro auf Platz 16 des Nettovermögens-Länderrankings, das die USA (209.524 Euro), die Schweiz (195.388 Euro) und Singapur (116.657) anführten.

Die globale Vermögensschere öffnete sich laut Global Wealth Report 2019 wieder, da sich der Anteil der sogenannten globalen Mittelklasse am Nettofinanzvermögen um 200 Millionen auf 800 Millionen Menschen verringerte. Die globale Mittelklasse besitzt zwischen 7.900 und 47.400 Euro Nettofinanzvermögen und umfasst den Bereich zw. 30 % und 180 % des globalen Durchschnitts. Vermögen ist generell durch eine extreme Konzentration am oberen Rand gekennzeichnet. So besaßen die reichsten 10 %, 52 Millionen Menschen mit durchschnittlich mehr als 240.000 Euro, 84 % des globalen Nettofinanzvermögens und die Top 1 % (mindestens 1,2 Millionen Euro Nettofinanzvermögen) einen Anteil von 44 %. Während der Anteil der reichsten 10 % 2019 gefallen ist, stieg jener der Top 1 % weiter.

Covid-19-Krise und Verteilung

Die Covid-19-Pandemie stürzte die Weltwirtschaft die die tiefste Krise seit 100 Jahren und hat die öffentliche Verschuldung auf ein allzeithoch gebracht – für 2020 wird sie auf 130 % der globalen Wirtschaftsleistung geschätzt. Die Krise wirkte sich im 1. Quartal zunächst auch auf das Finanzvermögen aus, im 2. Quartal war jedoch wieder ein leichter Anstieg zu beobachten (+ 1,5 %). Die Pandemie wird die Ungleichheit verschärfen, wenn auch mit regionalen Unterschieden. China und Ostasien dürften davon weniger betroffen sein als die hochentwickelten Volkswirtschaften und vor allem als Indien und Südamerika. Derzeit leben 1 Milliarde Menschen von weniger als 1,9 US-$ pro Tag und die Weltbank schätzt, dass die Covid-19-Krise weitere 49 Millionen Menschen in extreme Armut stürzt.

Von den mit der Pandemie einhergehenden Maßnahmen, v.a. Lock Down und Hygienebestimmungen, sind in erster Linie Jobs mit direktem sozialen Kontakt betroffen, deren Einkommenssituation unterdurchschnittlich ist. Damit trifft die Pandemie zunächst v.a. ärmere Bevölkerungsteile, die langfristig das zusätzliche Risiko tragen, dass ihre Jobs verschwinden. Vor allem in schlecht ausfinanzierten und/oder privatwirtschaftlich-gewinnorientierten Gesundheitssystemen verschärft steigende Armut auch die Gesundheitsversorgung. In den USA können beispielweise 4 von 10 Erwachsenen keine unerwarteten Ausgaben über 400 US-Dollar bestreiten. Am gegenüberliegenden Pol treiben geringe oder negative Zinssätze die Vermögenspreise nach oben, von denen vor allem Aktienbesitzer und Immobilieneigentümer profitieren.

Finanzvermögen nur eine Seite der Medaille

Um ein Gesamtbild der Reichtumsverteilung zu erhalten, müsste das im Global Wealth Report betrachtete Finanzvermögen um Sachvermögen erweitert werden. Die von der österreichischen Nationalbank erhobenen Vermögensdaten (HFCS) erheben beides und Vermögensforscher um Jakob Kapeller schätzten bereits 2010 für Österreich den Anteil der Top 5 % am Nettovermögen auf beinahe 58 %, jenen des reichsten Prozent der Haushalte auf 37 % (Vermögen in Österreich, Juli 2013). Die HFCS-Daten zeigen zudem, dass Sachvermögen, v.a. Unternehmenseigentum und Zinshäuser, nur bei den obersten 5 % der Vermögensverteilung relevant sind.

Gerade im Zusammenhang mit der Corona-Krise zeigt sich abermals, dass steuerminimierende Konzerne großzügig öffentliche Rettungsgelder erhalten oder Inanspruchnahme von Kurzarbeit mit Jobabbau kombiniert wird, auch von den reichsten UnternehmenseigentümerInnen und Konzernen. Verluste sollen abermals vergesellschaftet werden, nachdem die Gewinne privatisiert wurden. Die Finanzierung der Krisenkosten schreit geradezu nach einer progressiv ausgestalteten Vermögenssteuer, die bei den Reichsten nicht nur den Vermögenszuwachs sondern auch die Vermögenssubstanz besteuert. Auch ein Mieterlass etwa für durch die Krise finanziell bedrohte GastronomInnen, Kleingewerbetreibende oder von Delogierung bedrohte MieterInnen ist dem Großteil der ImmobilieneigentümerInnen mehr als zumutbar. Schließlich zeigen Vermögensentwicklung und Krise einmal mehr, dass die vorherrschenden Verteilungs- und Eigentumsverhältnisse infrage gestellt werden müssen.

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