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100 Jahre Jännerstreik 1918

Ist ein Volk in Bewegung, glaubt man nicht, dass es je zur Ruhe kommen kann. Herrscht Ruhe, glaubt man nicht, dass es je in Bewegung gerät.“ (La Bruyere) Telegramm_15.1.1918_Jännerstreik

Trotz striktem Streikverbot kam es bereits in den Kriegsjahren, nicht zuletzt im Gefolge des Hungerwinters 1916/17, zu zunehmend mächtigeren Streiks und Massenaktionen der Arbeiter und Arbeiterinnen in Österreich. Ende März 1917 etwa, traten die Arbeiter in Donawitz in den Streik, im April dann die Eisenbahner, im Mai wiederum die Industriearbeiter Wiens. Im Juni und Juli 1917 folgten Ausstände in St. Pölten und in der Steiermark. Den unbestrittenen Höhepunkt der Arbeitskämpfe markierte jedoch der Jännerstreik 1918, der größte Streik und die größte revolutionäre Erhebung der Arbeiterschaft in der Geschichte Österreichs, dessen 100. Jahrestag wir heuer begehen.

Das imperialistische Völkergemetzel des 1. Weltkriegs, die immer tristere Nahrungsmittelversorgung und die kriegswirtschaftlichen Arbeitsbedingungen (mit ihrer Militarisierung der Arbeit, Ausdehnung der täglichen Arbeitszeit auf bis zu 13 Stunden, Außerkraftsetzung der gesetzlichen Bestimmung der Sonn- und Feiertagsruhen, u.a.m.), führten zu einer rapide zunehmenden Erbitterung der Arbeitenden. Dazu gesellte sich ab 1917 der Widerhall der von den Arbeitenden begeistert aufgenommenen russischen Revolution, als Signal eines revolutionären Ausbruchs aus der „Burgfriedenspolitik“ der österreichischen Sozialdemokratie.

Schlag auf Schlag

Am 12. Jänner 1918 mündete zudem die von der österreichischen Arbeiterschaft mit ebenso hoher Spannung wie Sympathie für die Friedensinitiative der Bolschewiki verfolgten Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk in ein erpresserisches Raubfriedens-Ultimatum der verhassten Hohenzoller und Habsburger Monarchien an Sowjetrussland ein. Als die österreichische Regierung am Morgen des 14. Jänners dazu noch einschneidende Kürzungen der ohnehin bereits mehr als kargen Mehlration verfügte, kam es zur Explosion. In der Früh des 14. Jänners 1918 trat daraufhin die Belegschaft der Daimler-Motorenwerke in Wr. Neustadt geschlossen in den Streik, dem sich bis Mittag die Beschäftigten der anderen Industrie- und Rüstungsbetriebe der Stadt anschlossen. Am 15. Jänner weitete sich der Ausstand bereits auf weitere industrielle Zentren und bedeutende Betriebe der Region – wie etwa die Schoeller-Werke Ternitz oder die Gummiwerke in Wimpassing –  aus, und griff nach und nach auf alle großen Industriegebiete und -betriebe Österreichs über. Zu seinem Höhepunkt, am 20. Jänner 1918, befanden sich schließlich – trotz Bedrohung durch kaiserliche Maschinengewehre und der Gefahr jahrelanger Gefängnisstrafen bzw. des Strafverschickens an die Front – rund 750.000 Arbeiter und Arbeiterinnen Österreich-Ungarns im Ausstand.

 Arbeiterräte entstehenJaennerstreik_WrNeustadt-vor-dem-Rathaus

Ausgehend von Wiener Neustadt und Ternitz bildeten sich ab 15. Jänner nach russischem Vorbild zugleich spontan Arbeiterräte, die sich ebenfalls wie ein Lauffeuer über das ganze Land ausbreiteten. Der von Anfang an über bloß unmittelbare ökonomische Ziele hinausreichende Streik, nahm einen immer stärkeren politischen Charakter an. Zur Hauptforderung der Arbeitenden wurden – neben der Einführung des 8-Stunden-Tags und der Lösung der Lebensmittelkrise – der sofortige Friede mit Sowjetrussland und Abschluss eines allgemeinen, gerechten Friedens auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Das Ausmaß, der politische Gehalt und die Wucht der Jänner-Erhebung ließen die Monarchie in ihren Grundfesten regelrecht erzittern. In den Tagen des Jännerstreiks 1918 war eine revolutionäre Situation herangereift, die nicht nur das Habsburger-Regime kurzerhand hinwegfegen, sondern sehr wahrscheinlich auch der Kapitalherrschaft den Garaus machen hätte können.

Schmähliches Abwürgen des Streiks

Die sozialdemokratische Gewerkschafts- und Parteiführung war jedoch weder zum einen, noch gar zum anderen gewillt, und unternahm mit einem regelrechten Arsenal an Winkelzügen und unter Einsatz all ihrer Energie alles, den spontan ausgebrochenen Kampf der Arbeitenden abzuwürgen. Dazu traten die Spitzen der Sozialdemokratie sogar in Geheimverhandlungen mit dem Ministerpräsidenten der Habsburger Monarchie, um mit der kaiserlichen Regierung ein gleichermaßen handzahmes wie demonstratives „Kompromiss-Programm“ zur Beschwichtigung der Arbeitermassen auszupackeln. Als die Regierung daraufhin einige Lippenbekenntnisse und feierliche Versprechen von sich gab, drückte die SP-Spitze unter Aufbietung sämtliche Register, am 20. und 21. Jänner die Proklamierung des Streikabbruchs durch. Trotz eines wahrhaften Sturms der Entrüstung auf den zahlreichen Versammlungen und vielfältiger Weigerungen dem Folge zu leisten, gelang es mit den ersten Einbrüchen der Streikfront, dass der Jännerausstand zu bröckeln begann. Parallel dazu setzte mit 21. Jänner eine rigorose Verhaftungswelle gegen die aktivsten linken Streikführer und politischen Aktivisten ein, in deren Zuge die Polizei die meisten Linken und streikgewillten Arbeiterführer verhaftete. Spätestens damit wurde dem heroischen Streik der Massen sein definitives Ende gesetzt. Am 24. Jänner wurde die Arbeit in ganz Österreich wieder aufgenommen. Von den Forderungen des „Kompromiss-Programms“ wurde in der Folge seitens der Regierung jedoch keine einzige erfüllt. Die Tage von Kaiser und Monarchie waren vom Jännerstreik an gleichwohl gezählt.  

(Zum ausführlichen historischen Forschungsstand über den Jännerstreik 1918 und seine geschichtliche Bedeutung sei anläßlich seines hundertsten Jahrestages darüber hinaus auf die umfangreichen Arbeiten des Historikers Hans Hautmann verwiesen.)