Gudi gegen Goliath: So läuft der Kampf um das Wohnungslosenheim

Von Sarah Yolanda Koss / mosaik-blog.at

Die Gudrunstraße, ein Wiener Notquartier für Wohnungslose, soll Ende April ersatzlos schließen. Dagegen protestiert die Belegschaft – und macht dabei auf katastrophale Arbeitsverhältnisse und untragbare Übernachtungsbedingungen aufmerksam.

Vor einer weiß gestrichenen Kirche am Keplerplatz im zehnten Wiener Gemeindebezirk zählt eine junge Frau Stimmzettel aus. Eine Ja-Stimme. Noch eine Stimme, für den Streik. Und noch eine. Als im Hintergrund das letzte „Anti-Anti” von Bonapartes Hit aus den späten 2000ern verklingt und die Protestkundgebung jubelt, steht fest: Die Basismitarbeiter*innen des Notqartiers Gudrunstraße, der „Gudi”, treten in einen Warnstreik. Der Auslöser: Ende April soll die Gudi ersatzlos schließen. Tatsächlich geht es beim Protest aber um viel mehr: Um katastrophale Arbeitsverhältnisse, um untragbare Bedingungen in den Notschlafstellen und um Trägerorganisationen, die nicht mit sich reden lassen.

Das Winterpaket des Fonds Soziales Wien (FSW) und des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) stellt jährlich von Oktober bis April zusätzliche Notquartiere für Wohnungslose zur Verfügung – „je nach Witterung und Bedarfslage”, wie es auf der Seite des FSW heißt. Das bedeutet: Jedes Jahr ist aufs Neue unklar, ob und wie lange die Unterkünfte geöffnet sein werden. 2020 besteht wegen Corona Mehrbedarf. Doch schon im Mai kommt es zu ersten Problemen in den Massenschlafsälen: 120 Bewohner*innen des Hietzinger Pavillon 8 müssen wegen einer positiv getesteten Person in Quarantäne. Im Sommer bleiben die meisten Quartiere geschlossen. 

Neuer Corona-Betrieb

Ab Oktober sind die Notquartiere neuerdings 24 Stunden geöffnet. Durch den Ganztagesbetrieb sollen Wohnungslose die Quartiere nur noch in Notfällen verlassen und so das Ansteckungsrisiko reduzieren. Deswegen gehen die Mitarbeiter*innen der Gudi zum damaligen Zeitpunkt von einer Öffnung aller Quartiere bis zum Sommer 2021 aus. „Der Bedarf ist offensichtlich vorhanden”, erzählt einer von ihnen.Alle notwendigen Maßnahmen für die 24-Stunden-Öffnung seien bereits getroffen worden, heißt es im Herbst 2020 vonseiten des FSW und des ASB.

Daran zweifelt die Initiative Sommerpaket, ein Zusammenschluss der Basismitarbeiter*innen der Winternot- und Wohnungslosenhilfe. In den Sommermonaten im Jahr 2020 hätten die Räumlichkeiten saniert und zusätzliche Unterkünfte (zum Beispiel leerstehende Hotels) organisiert werden können. Auch bessere Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 hätten geplant werden müssen, um eine Wiederholung der Geschehnisse wie die im Pavillon 8 zu verhindern. 

Sommer ohne Sanierung

Tatsächlich seien für die ganztägigen Aufenthalte keine zusätzlichen Räume zur Verfügung gestellt worden, Renovierungen hätten auch nicht stattgefunden. Einzig ein paar Betten seien wegen der Pandemie entfernt worden, schreibt die Initiative. Trotzdem schlafen auch während des Corona-Winters in vielen Quartieren weiterhin bis zu acht Menschen in einem Raum: „Investitionen zahlen sich nicht aus – denn wer weiß, was nächstes Jahr sein wird?”, stellt die Initiative fest.

Die Winterquartiere stehen vor einem strukturellen Problem. Ob es genügend Förderungen für die Notschlafstellen gibt, wird oft erst kurz vor ihrer Öffnung oder Verlängerung klar. Das bedeutet für die Mitarbeiter*innen der Wohnungslosenhilfe Saisonarbeit, für Wohnungslose ständige Unsicherheit. „Wir erfahren oft erst wenige Wochen im Voraus, ob wir wieder eingestellt werden”, erklärt ein Mitarbeiter der Gudi. 

Eine ganzjährige Versorgung ist nicht vorgesehen. Denn die könnte Wohnungslosigkeit fördern, wie Peter Hacker, Wiener Stadtrat für Soziales, auf Facebook argumentiert.

Corona-Cluster im Notquartier

Die Missstände und Unterfinanzierung zeigen sich auch in der Gudi, wie der Mitarbeiter des Notquartiers berichtet: „Das beginnt bei unzureichenden Feuerschutztüren und reicht bis zu dysfunktionalen Schlössern”. Nach Monaten auf zu engem Raum folgt im Jänner das Unvermeidliche: Ein Corona-Cluster in der Gudi. Innerhalb von zwei Wochen werden 27 von 70 Wohnungslosen positiv getestet. Nach und nach erkranken auch die Mitarbeiter*innen. Gleichzeitig gehen zahlreiche ihrer Kolleg*innen wegen Burn-Outs in Krankenstand. Die Überlastung, die bereits 2020 eine der treibenden Kräfte der Streikbewegung im Sozialbereich war, ist durch Corona gestiegen. Genauso wie die Überstunden.

Das Team Gudi beschließt, sich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen zu wehren. Erst versuchen sie, die Zustände trägerintern mit Unterstützung des Betriebsrats zu besprechen. Schließlich gehen sie an die Öffentlichkeit. Es ist eine mühsame Zeit, der FSW und der ASB verweisen auf gegenseitige Verantwortlichkeiten, keiner fühlt sich zuständig. Trotzdem erreicht das Team einen temporären Erfolg. Die Gudi erhält 120 zusätzliche Stunden. 

Gudi muss schließen

Im März folgt die Ernüchterung: Alle Winterquartiere werden bis August verlängert. Alle, außer der Gudi. Damit schließt das letzte Notquartier in Zentrum-Nähe. Im Statement des FSW heißt es dazu, die Gudi könnte aufgrund von schwer einzuhaltenden Sicherheitsmaßnahmen und Sanierungsbedarf nicht weitermachen. Außerdem mangele es an Auslastung. Die Mitarbeiter*innen sehen darin Ausreden, denn in der Gudi „gab und gibt es selten freie Betten”, wie sie erzählen. „Und wenn 90 Prozent Auslastung während einer Pandemie, in der wir auf Abstand gehen sollten, zu wenig ist, dann läuft ohnehin einiges falsch”. 

Warnstreik der Wohnungslosenhilfe

So versammelt sich Team Gudi gemeinsam mit Unterstützer*innen ein paar Wochen später am Keplerplatz zu einem Warnstreik. Mehrere Stunden lang halten die Streikenden Reden, unterbrochen von musikalischen Einlagen von Ton Steine Scherben bis zur Einheitsfront. Wohnungslose des Notquartiers Gudrunstraße erzählen von den Sommermonaten auf der Straße, als die Unterkünfte geschlossen waren. Nacheinander treten sie ans Mikrofon und schwärmen, wie großartig sich das Team Gudi im Winter um sie gekümmert hat. Wenn das Quartier schließt, wissen sie genauso wenig wie die Mitarbeiter*innen, wo sie hinsollen.

Der Moderator der Kundgebung bedankt sich bei solidarischen Initiativen. Als er erzählt, was die Reaktion auf einen LINKS-Antrag im Favoritner Bezirksrat für den Verbleib der Gudi war, muss er fast ein wenig schmunzeln: „Der Bezirksrat fühlt sich nämlich, Überraschung, nicht zuständig!”

Als es zu dämmern beginnt, endet der Warnstreik und die Nachtschicht in der Gudi beginnt. „Wir sind noch nicht fertig, außer mit den Kräften”, erklärt ein Mitarbeiter des Team Gudi. Wie es weitergeht, hängt für das Team vor allem davon ab, wie viel Unterstützung in den kommenden Wochen entsteht.

Hier könnt ihr die Petition für den Verbleib der Gudi unterschreiben.
Am 9. April findet außerdem eine Demo für die Gudi und gegen Einsparungen im Sozialbereich statt, weitere Infos findet ihr hier.

Wir sind sozial aber nicht blöd hat zu diesem Artikel folgendes ergänzt:

Der Widerstand der Kolleg*innen aus der Gudrunstraße ist wegen vielen Punkten wichtig. Es ist das erste Mal, seit langem, das im Sozialbereich gegen die Schließung einer Einrichtung gestreikt wird. Außerdem ist die gute Zusammenarbeit zwischen, den Kolleg*innen in der Gudrunstraße, den kämpferischen Basisinitiativen, Sommerpaket und „sozial, aber nicht blöd“ und dem ASB-WSD Betriebsrat ein wichtiges Beispiel. Der Betriebsrat hat die Organisierung des Warnstreiks von Anfang an unterstützt. Einen Warnstreik der bewußt in der Öffentlichkeit abgehalten wurde und in enger Kooperation mit den Basisinitiativen passiert ist. Im Vorfeld des 17.3. gab es Teambesuche, eine Teilbetriebsversammlung (neben der am 17.3. selbst) und zahlreiche Aussprachen mit den betroffen Kolleg*innen. Der Betriebsrat setzt sich auf unterschiedlichsten Ebenen für die unmitellbaren Interessen der Kolleg*innen ein. Das tun zum Glück viele Betriebsräte, auch in anderen Firmen. Auf die politische Ebene und den Widerstand gegen die Maßnahme im Gaznen wird aber oft „verzichtet“. Statt eine Maßnahme zu verhindern, wird versucht sie sozial abzufedern. In Fall Gudrunstraße zeigt der Betriebsrat, dass Einsatz für konkrete soziale Anliegen und allgemeiner politischer Widerstand kein Widerspruch sind. Als „sozial, aber nicht blöd“ hoffen wir, dass dieses positive Beispiele viele andere Betriebsratskolleg*innen in der Pflege und im Sozialbereich motiviert.

Neben 27 Bewohnern haben sich auch 5 Kolleg*innen mit Covid19 infiziert. Eine beachtlich hoher Anteil der Kolleg*innen in der Gudrunstraße wie wir meinen. Der Fall zeigt, dass die Frage der Pandemiebekämpfung eine soziale Frage ist. Statt in Verbesserungen zu investieren, riskieren die Verantwortlichen lieber die Erkrankung von Bewohner*innen und Kolleg*innen, damit gefährden sie nicht nur die konkret infizierten Menschen, sondern in Zeiten einer Pandemie auch das soziale Umfeld..

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