Zunehmender Hunger und Hungertod im Casino-Kapitalismus

Die tiefe Dreifach-Krise des kapitalistischen Globalsystems (die weltweite Corona- und Gesundheitskrise, die schwerste Weltwirtschaftskrise seit 1929 und die rasant voranschreitende Klimakrise) beinhaltet nicht nur sozialen Sprengstoff, sondern verschärft auch die weltweite Hungersnot mit geballter Wucht. Angepeitscht wird diese noch durch das hochprofitable Spekulationsgeschäft der Finanzmärkte auf Nahrungsmittelpreise.

Obwohl die Spekulation mit landwirtschaftlichen Produkten an sich nichts Neues ist – ein frühes Dokument hierzu bildet etwa die rankenumwobene, antike Spekulation des Thales von Milet auf Ölpressen zur erwarteten resp. prognostizierten großen Olivenernte -,  hat die Spekulation auf Nahrungsmitteln in den letzten Jahrzehnten rasant zu- und eine neue Qualität angenommen. Und damit einhergehend die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe getrieben. Mit drastischen Folgen für die Ernährungssituation der Menschheit.

Die Investment-Triebkräfte, Umwälzungen in den weltweiten Landwirtschaften, sowie Struktur des zeitgenössischen Agrobusiness sind vielfältig und können hier im Einzelnen zurückgestellt bleiben. Unbestrittener Fakt jedoch ist, dass sich mit der neoliberalen Globalisierung, ihrem Agrobusiness und Finanz-Casino die Nahrungsmittellücke im Globalen Süden verschärft. Entsprechend dieser global gestrickten wie finanzkapitalistisch durchwobenen Verfasstheit, folgen die Preisbewegungen der Welthauptnahrungsmittel auch dem globalen Konjunkturparameter und Anlage- wie Spekulationsgeschehen – mit spezifischen Ausschlägen und Spitzen.

So lieferte bereits der Anstieg des FAO*-Food-Preisindex 1994 – 1996 einen ersten Vorgeschmack auf den Preisauftrieb oder des auf die Spitze getriebenen Nahrungsmittel-„Bullenmarkts“ und der Börsennotierung der Lebensmittelpreise. Im nachfolgenden Wirtschaftsboom und Spekulationsfieber schossen die Nahrungsmittelpreise dann bis zur Finanzkrise 2008 auf ein Rekordhoch. Milchprodukte etwa verteuerten sich allein zwischen 2004 und 2008 um eklatante 220%. Und die Preise der Hauptnahrungsmittel Weizen, Reis und Mais verdreifachten sich von Herbst 2005 auf Sommer 2008 gar. Die Spekulationen und Wetten an den Warenbörsen und internationalen Terminmärkten auf Getreide und Soja trieben beide in eine regelrechte Spekulations-Blase. Mit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise platzte die Blase. Jedoch nur, um mit der daran anschließenden Aufschwungsphase des Konjunkturzyklus auf ein zwischenzeitliches Allzeithoch zu emporzuklettern und danach in etwas weniger hektischem Treiben auf hohem Niveau zu verharren.

Die gegenwärtige Wirtschafts- und Corona-Krise trifft die Länder des Globalen Südens, aber dieses Mal auch die großen Schwellenländer Südamerikas, noch härter. Dazu gesellen sich aktuelle extreme Wetterlagen, Heuschreckenplagen und Konflikte. Die soziale und Ernährungslage in vielen Ländern ist schlicht dramatisch. „Wir sehen, wie sich eine Katastrophe vor unseren Augen entwickelt“, äußerte dazu jüngst der Direktor des UN-Welternährungsprogramms (WFP) David Beasley.

Die  Corona- und Weltwirtschaftskrise droht die Zahl der an unmittelbarer Hungersnot und akuten Nahrungsmittelmangel leidenden Menschen gegenwärtig sprunghaft glatt zu verdoppeln und in eine Hungerskrise multiplizieren Ausmaßes zu führen. Ja, die wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Krise droht UN-Forschungen zufolge – bei bereits über 800 Millionen Menschen vor Krisenbeginn die Hunger leiden – , eine derartige Masse in Armut zu reißen, dass mit heuer an die 3,7 Milliarden Menschen – d.h. rund die Hälfte der Weltbevölkerung – unterhalb der Armutsgrenze vegetieren müssen oder zu darben haben werden. Mehr als 34 Millionen Menschen wiederum haben nach letzten UN-Angaben schon derzeit mit so starker Unterernährung zu kämpfen, dass der Hungertod nicht mehr weit ist.

Umso attraktiver werden der ebenso verqueren wie irrsinnigen Markt-Logik zufolge allerdings die Wetten, Finanz- und Termingeschäfte auf den Nahrungsmittelbörsen oder „Over the Counter“ (sprich: außerhalb der Börsen und etablierten Handelssystemen). Und der Casino-Kapitalismus strotzt gegenwärtig nur so vor anlagesuchendem Kapital. Während die kapitalistische Dreifach-Krise auf der einen Seite wie ein Tsunami durch die Arbeitswelt, Einkommenssituation und Lebensverhältnisse der subalternen Klassen fegt, ist das Vermögen der Superreichen auf der Gegenseite laut „Forbes“-Magazin in der Pandemie um ein Fünftel gewachsen und befindet sich in akutem Anlagenotstand. Die mörderische Spekulation auf den Hunger ist in dieser Situation ebenso attraktiv, wie an Skrupellosigkeit kaum zu überbieten. Denn die Betreiber des Finanz-Casinos wissen genau um die tödlichen Folgen ihrer Veranlagungen und Spekulationsgeschäfte. Entsprechend gibt es auch einzelne Fondsverwalter, die sich nach eigenen Worten an diesem Geschäft nicht beteiligen. So etwa die bekannte Börsen-Ikone Georg Soros, der bereits vor einem Jahrzehnt Tacheles zur gesamten Geschäftsgrundlage dieser Art Spekulation redete: „Das ist so, als ob man in einer Hungerkrise heimlich Lebensmittel hortet.“ Allerdings, so löblich dies im konkreten Fall sein mag, reicht es nicht, dass sich einzelne Croupiers dem Lebensmittel-Poker verweigern. Denn andere nehmen ihren Platz nur umso dankbarer ein. Aber das aus dem Spiel-Casino bekannte „Rien ne va plus“ („Nichts geht mehr“), zeitigt im realen, globalen Finanz-Casino nicht nur weitaus gravierendere Folgen,  sondern impliziert den wortwörtlich millionenfachen Hungertod.

Der profitable Irrsinn dieses Finanz-Casinos gehört denn auch umgehend geschlossen.

* Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen

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