Alfred Klahr und Ibrahim Kaypakkaya

Alfred Klahr und Ibrahim Kaypakkaya – die „Bedeutung der nationalen Frage“ (Lenin) – oder stehen wir demgegenüber vor einer Roy-Lenin-Kontroverse 2.0?

Immer wieder wachsen in der Geschichte KommunistInnen und RevolutionärInnen an ihren Aufgaben zu herausragenden Persönlichkeiten und legen theoretische Einsichten für den weiteren Kampf.

Dabei entspannen sich vielfach auch Parallelen, die sich bis ins Biographische erstrecken. Das gilt nicht zuletzt etwa für die Lebenswege und Denkeinsätze des bedeutenden österreichischen Kommunisten Alfred Klahr und des nicht minder einflussreichen türkischen Revolutionärs Ibrahim Kaypakkaya.

Biographische Parallelen und Schicksalswege

Beide zeichnet neben ihrem unbeugsamen Kampf insbesondere auch ihre theoretischen Anstrengungen und Leistungen um die nationale Frage, sowie die strategische, dialektische Verbindung der nationalen mit der sozialen Frage und sozialistischen Revolution aus.

Alfred Klahr wurde 1904, Ibrahim Kaypakkaya 1949 geboren. Beide entwickelten schon in jungen Jahren ein sozialistisches Bewusstsein. Alfred Klahr in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der von Hunger und Not geprägten Nachkriegszeit. Ibrahim Kaypakkaya vor dem Hintergrund der Dorfarmut, des sozialen Elends und der Unterdrückung in der Türkei. Ebenso schlugen beide nach absolvierter Grundschule zunächst einen höheren Bildungsweg ein: Klahr studierte in Wien Staatswissenschaft, Kaypakkaya besuchte die Lehrer-Schule in Istanbul, die ihn aufgrund seiner politischen Aktivitäten jedoch vor die Tür setzte.

Und wie Klahrs, von Georgi Dimitroff unterstützen, gegen die großdeutsche Tradition der heimischen Arbeiterbewegung gerichteten Theoretisierungen und Begründung der österreichischen Nation später über die engen Parteigrenzen der KPÖ hinaus wirksam wurden, gilt dies hinsichtlich des nationalen Status der KurdInnen ideengeschichtlich ähnlich für den einflussreichen linken Revolutionär, Theoretiker, Kämpfer und Begründer der Partizanen-Tradition Ibrahim Kaypakkaya. Seine Ideen und Auffassung führten sowohl zu einer eigenen Theorietradition und Bewegung, übten aber auch darüber hinaus großen Einfluss auf andere Strömungen in der revolutionären türkischen und kurdischen Linken aus.

Ähnlich wiederum ebenso wie eine Generation vor ihm große Persönlichkeiten der kommunistischen Bewegung in Österreich Anfang/Mitte der 20er Jahre – unter dem Eindruck der siegreichen Oktoberrevolution und von der jungen Sowjetunion ausgehenden Aufbruchsstimmung – bereits in den Jugend- und Studentenzusammenhängen Wiens wirkmächtig aktiv wurden, stand Kaypakkaya in den Jahren 1966-1968 – inspiriert vom weltgeschichtlichen Ereignis der Kulturrevolution in China – im Zentrum der regen und revolutionären studentischen Bewegung in der Türkei.

Schon in dieser Zeit als Revolutionär polizeilich überwacht und bespitzelt, wurde Alfred Klahr durch das Verbot der Kommunistischen Partei Österreichs 1933 und die Machtergreifung des Austrofaschismus 1934 in die Illegalität gezwungen. Ähnlich die Verhängung des Ausnahmezustands 1970 und der Militärputsch 1971, die am Bosporus dann vier Jahrzehnte später Ibrahim Kaypakkaya in den Untergrund zwangen.

In ihrer illegalen Tätigkeit machten sie sich unter schwierigsten und mörderischen Bedingungen je um das Schmieden illegaler Kampforganisationen, der Entfachung des Widerstands der Werktätigen und um die Herausgabe von Flugblättern wie Zeitschriften verdient. Und nahmen jeweils eine wahrhafte Odyssee auf sich.

Eine Odyssee die Alfred Klar etwa über Berlin, zurück nach Wien, dann nach Prag, und über Moskau, Brüssel, Marseille bis nach Zürich führte. In Zürich aufgeflogen, lieferten ihn die Schweizer Behörden an das mit dem Nazi-Faschismus verbündete faschistische, französische Vichy-Regime aus. 1942 wurde Alfred Klahr schließlich in das Konzentrationslager Auschwitz deponiert.

Fast genau drei Jahrzehnte danach, 1973, fiel auch Kaypakkaya seinen Schergen in die Hände, wurde von Militär-Sondereinheiten in den Bergen Dersims gestellt und in Haft gesteckt. Bestialisch gefoltert wurde Ibrahim Kaypakkaya am 18. Mai 1973 im Auftrag der Herrschenden schlussendlich ermordet.

Alfred Klahr gelang im Sommer 1944 mit Unterstützung des Internationalen Lagerkomitees in Auschwitz nochmals die Flucht aus dem Konzentrationslager. Er schaffte es allerdings nicht zum vereinbarten Treffpunkt mit den polnischen Partisanen (die drei Tage auf ihn warteten) und schlug sich daraufhin auf eigene Faust nach Warschau durch. In Warschau fiel er jedoch einer deutschen Streife in die Hände, die ihn aufgriff und erschoss.

Der Vergleich ihrer Lebenswege und Martyria heißt natürlich, um nicht missverstanden zu werden, nicht, die Lage im Nazi-Faschismus mit der Situation in der Türkei Anfang der 1970er Jahre einfach in eins zu setzen, sondern das Vergleichbare herauszuschälen.

Die nationale Frage und das Unverständnis der großdeutschen und kemalistischen Traditionen in der Arbeiterbewegung

Während Ibrahim Kaypakkaya, gestützt auf die marxistisch-leninistische Theorie der Nation in seinen Beschäftigungen mit der nationalen Frage die Existenz der kurdischen Nation erkannte und bejahte, erkannte der österreichische Kommunist Alfred Klahr knapp vier Jahrzehnte zuvor – unter anderen gesellschaftlichen Verhältnisse und in unterschiedener politischen Lage – die Existenz der österreichischen Nation.

Beide stießen dabei zunächst auf viel Unverständnis unter den Genossen und Genossinnen. Zu schwer lastete zunächst die großdeutsche Ideologie in Österreich und die kemalistische Ideologie in der Türkei auf den Gehirnen vieler.

Gleichwohl: Klahrs kritische Überprüfung der damals dominierenden „Selbstverständlichkeit“, dass Österreicher bei aller Eigenart letzten Endes doch zur deutschen Nation gehören, ergab etwas anderes. Er wies vielmehr nach, dass die ÖsterreicherInnen nie Teil der deutschen Nation waren, ja dass Österreich gerade zum Zeitpunkt der Formierung der deutschen Nation faktisch aus dem Deutschen Reich ausgeschlossen war.

Und er erkannte, dass Österreich sich damals vielmehr zu einer eigenständigen Nation formierte, gleichsam – ähnlich der Entwicklung von Klassen aus ihrem anfänglichen Stadium eines zunächst „an sich“ hin zu ihrem Erwachen „für sich“ – inmitten des Prozesses der Nationsbildung befand.

Der von Klahr theoretisch geführte Nachweis der Existenz der österreichischen Nation führte wiederum zur Überlegung der Verknüpfung des Kampfes gegen den Faschismus im Inneren mit der Verteidigung gegen die Gefahr einer nationalen Vergewaltigung durch den deutschen Faschismus – zum Kampf um eine freies, demokratisches und unabhängiges Österreich als gleichzeitiger Etappe zur sozialistischen Revolution. Ein Problemkomplex der heute, achteinhalb Jahrzehnte später, in seiner (beileibe nicht nur damaligen) politischen Brisanz dem kollektiven Bewusstsein nicht mehr so ohne weiteres durchsichtig ist.

Noch im Konzentrationslager Auschwitz wurde seine Arbeit Zur nationalen Frage in winzig kleiner Schrift in mehreren Exemplaren abgeschrieben und herumgeschmuggelt – um insbesondere auch die deutschen Kommunisten und Widerstandskämpfer von ihrer Bedeutung für die künftige politische Gestaltung der Verhältnisse zu überzeugen. Und es waren heftige, kontroverse Diskussion, die Klahr sogar zur sichtlich von geradezu tiefer Verbitterung über das Unverständnis der nationalen Frage gekennzeichneten Bemerkungen kommen ließ, dass einzelne Vertreter der KPD in dieser Frage in das Schlepptau der Faschisten geraten seien.

Als theoretisch seinerseits Erster (die Frage der Einordnung der lange Zeit de facto unbekannten diesbezüglichen Schriften Hikmet Kıvılcımlıs kann hier ruhig unberücksichtigt bleiben) und einer der wenigen vollzog auch Ibrahim Kaypakkaya in der Türkei einen nicht minder grundlegenden, wenn auch anders gelagerten, Bruch mit den herkömmlichen Ansichten der KommunistInnen, Revolutionären und der Linken in der nationalen Frage am Bosporus.

In rigorosem Bruch mit dem Kemalismus und dessen aggressiv-nationalistischem Staatsdogma trat er als erster wirkmächtig und traditionsbildend für das uneingeschränkte Selbstbestimmungsrecht der von ihm nicht mehr nur als Minderheit sondern als Nation bestimmten KurdInnen – bis hin zu ihrem Recht auf staatliche Lostrennung – ein. Die bis dahin, wenn überhaupt, als sogenannte „Osten-Frage“ (doğu meselesi) behandelte Unterentwicklung des Ostens bzw. der östlichen Gebiete der Türkei, wurde damit neu als kurdische Frage aufgeworfen.

In seinen kritischen Analysen zum Charakter des Kemalismus stützte er sich dabei nicht zuletzt auf die Broschüre des sowjetischen Wissenschaftlers A. Schnurow „Das Proletariat in der Türkei“ von 1929, die 1970 auch auf Türkisch erschienen war.

„Die marxistisch-leninistische Bewegung“, so Kaypakkaya, „erkennt jederzeit und bedingungslos das Selbstbestimmungsrecht der, von der türkischen Bourgeoisie und den Grundherren unterdrückten kurdischen Nation, d.h. das Recht auf Lostrennung und Bildung eines unabhängigen Staates an und verteidigt es. Die marxistisch-leninistische Bewegung ist auch in der Frage der Bildung eines Staates gegen jedes Privileg. Die grundlegendsten Prinzipien der Volksdemokratie erfordern dies. Auch die bisher beispiellose nationale Unterdrückung der nationalen Minderheiten in der Türkei durch die türkische Bourgeoisie und Grundherren erfordern dies, denn wenn die türkischen Arbeiter und Werktätigen den türkischen Nationalismus nicht zerstören, wird für sie die Befreiung unmöglich sein“, wie Ibrahim Kaypakkaya in der Tradition Lenins ausführte.

Dieser Standpunkt gegen das bloße Zugeständnis kultureller und demokratischer Rechte oder Vorschlägen einer „national-kulturellen Autonomie“ (wie sie historisch am vielleicht prominentesten vom Austromarxismus gegen den Leninismus vertreten wurden), unterscheidet die Tradition Kapakkayas denn auch grundlegend von anderen Strömungen der türkischen ArbeiterInnenbewegung und Linken.

Dementsprechend besteht ein in der von ihm gegründeten Strömung und nachfolgenden Tradition ein diese auszeichnendes Charakteristikum auch in deren bedingungslosen Eintreten für das Selbstbestimmungsrecht der kurdischen Nation. Entsprechend führen deren bewaffnete Arme, nach wechselvollen Beziehungen, seit Langem auch gemeinsame Operationen mit den Einheiten der PKK durch und kämpften die letzten Jahre in Rojava etwa Seite an Seite mit der YPG und YPJ gegen die Mörderbanden des „IS“, oder an der Verteidigung Serêkaniyês, bzw. in den Medya-Verteidigungsgebieten als kommunistische Verbündete an der Seite der PKK gegen die türkischen Militäroperationen und Invasionen.

So urteilte der türkische Geheimdienst MIT bereits zu Anfängen des Kampfes der neuen, jungen Strömung und Guerilla: „Im kommunistischen Kampf in der Türkei sind jetzt die gefährlichsten Ideen im Volk diejenigen von İbrahim Kaypakkaya. Wir können aufgrund der Ansichten, die in seinen Schriften dargelegt sind und den Methoden des Kampfes, ohne Scheu von der Anwendung des revolutionären Kommunismus auf die Türkei reden.“

Kompossibilitäten im Widerspruch & Lenin

Freilich, säßen Alfred Klahr und Ibrahim Kaypakkaya heute in der von den alten Griechen erträumten „Insel der Seligen“ gemeinsam am Tische, würden sie, aus unterschiedlichen Theorietraditionen kommend und stehend, gewiss auch tiefgreifende Kontroversen ausfechten. Aber zweifelsohne auch ihre Übereinstimmungen in ihren theoretischen Anstrengungen und ihrem revolutionären Wirken für die Befreiung der Arbeitenden, der unterdrückten Nationen erkennen, die sich bis ins Biographische beider abbilden.

Allemal einig wären sie sich jedenfalls mit Lenin gesprochen in „der ungeheuren Bedeutung der nationalen Frage“ und Ablehnung eines diesbezüglichen Nihilismus. Mit ihm als Gewährsmann an ihrer Seite, würden sie zugleich auf das mit der Herausbildung der internationalen kommunistischen Bewegung einhergehende Charakteristikum deren unhintergehbaren Aufmerksamkeit auf die nationale und koloniale Frage insistieren. Dass der Lage der Unterdrückten nicht von oben und außen abgeholfen werden, sondern sie selbst das Subjekt der Umgestaltung sind, ist der revolutionär neue und wissenschaftlich durchgebildete Gedanke von Marx und Engels. Lenin hat den Gedanken danach in einer objektiv fortgeschritteneren Situation bekanntlich auf die unterdrückten Völker ausgedehnt und beiden zugerufen: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker vereinigt euch!“ Für sozialchauvinistische Positionen und mangelnde Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegungen hatte er bekanntlich nur scharfe Auseinandersetzungen und Polemiken über.

Ebenso für die mit dem Nihilismus der nationalen Frage vielfach verbundenen Faustkeildialektik eines bloßen ‚Klasse gegen Klasse‘. Schon als Lenin 1916 den imperialistischen Charakter des Ersten Weltkriegs und seine Orientierung auf eine revolutionäre Umwälzung herausarbeitete, erörterte er auch einen hinsichtlich der nationalen Frage aufschlussreichen Gedanken und meinte: „Wenn dieser Krieg mit Siegen in der Art der Siege Napoleons und mit der Versklavung einer Reihe lebensfähiger Nationen endete (…), dann wäre ein großer nationaler Krieg in Europa möglich.“ Nun erblickte Engels bekanntlich in den antinapoleonischen Kriegen bestimmter nationalen Bewegungen den Anfang der demokratisch-bürgerlichen Revolution. Die von Lenin imaginierte Situation trat dann rund ein Vierteljahrhundert später in den nationalen Kämpfen gegen Hitler-Deutschland ein. Und während die KommunistInnen Europas ihre Volksfrontpolitik entwickelten und ihren PartisanInnenwiderstand zugleich im Kontext der nationalen Befreiungsbewegungen entfalteten, führte der nationale Nihilismus und dessen ausschließliches Kaprizieren auf die Dichotomie Klasse versus Klasse Trotzki zur Beteuerung: „Ich sehe nicht den geringsten Anlass, jene Grundsätze zu ändern, die zwischen 1914 und 1917 von den besten Vertretern der Arbeiterbewegung unter Führung Lenins gegenüber dem Krieg entwickelt wurden. Der gegenwärtige Krieg hat auf beiden Seiten einen reaktionären Charakter. Welches Lager auch immer siegen wird, die Menschheit wird zurückfallen.“ Den norwegischen ArbeiterInnen die sich angesichts des Einmarsches der Hitler-Armeen an ihn wandten, erteilte er denn auch folgenden Rat: „Sollen die norwegischen Arbeiter das ‚demokratische‘ Lager gegen den Faschismus unterstützen? … Das wär tatsächlich der allerprimitivste Fehler“ – die norwegischen, polnischen oder französischen Arbeitenden sollten den Appellen Trotzkis nach begleitend zum faschistischen Weltbrand, ja selbst im Augenblick des Einmarsches der Hitler-Armeen vielmehr die Waffen gegen die eigenen Regierenden richten und nicht den in seinen Augen ‚Revisionisten‘ wie Dimitroff, der Sowjetunion und der Komintern erliegen.

Letzteres war freilich ein Umweg, der allerdings – auch zeitgeschichtlich – wieder zu Alfred Klahr zurückführt, indem er am vielleicht drastischsten zeigt, wie sich verkürzte, dürre Klassenkampf-Schema und ein Nihilismus in nationalen Fragen für RevolutionärInnen rächen können. Und Alfred Klahr und die kommunistische Weltbewegung bezogen denn auch nicht zufällig einen völlig anderen Standpunkt.

Auf weltgeschichtlicher Bühne kulminierte die ungenügende gedankliche Durchdingung der nationalen Frage dann allerdings auch sowjetischerseits im kruden Ordnungstheorem Leonid Breschnews der „begrenzten Souveränität“ sozialistischer Länder im Rahmen der sozialistischen Staatengemeinschaft. Ein Theorem, das in seiner modernen Form ideengeschichtlich freilich als Erbe auf die Giorndisten in der Französischen Revolution zurückweist (dem seinerzeit bereits die Jakobiner theoretisch energisch entgegentraten), sowie namentlich übrigens auf Ansichten Tuchatschewskijs, und auch auf im Weiteren unzureichend berücksichtigte innergesellschaftlichen Dispute in der Nationalitätenfrage der Sowjetunion verweist, etwa an Stalins Monitum, Sinowjew wolle der „nationalen Kultur“ der peripheren Sowjetrepubliken im wahrsten Sinne des Wortes „den Krieg erklären“, aber auch auf die Kontroverse Lenins mit Stalins um Aspekte der nationalen Frage in der sowjetischen Verfassung. Fragen, die hier im Detail allerdings zurückgestellt bleiben müssen und ein eigenes Thema bildeten.

Hic Rhodus, hic salta – wie Marx zu sagen pflegte

Damit aber zurück ins Hier und Heute. Eine gewisse rrrevolutionäre Linke tut sich heute in beinahe notorisch-manischer Denunziation der kurdischen Frage und kurdischen Freiheitsbewegung – der aktuell wohl akzentuiertesten linken Befreiungsbewegung sozialrevolutionärer Identität – hervor, der von ihr allenthalben kurdischer Nationalismus und pro-imperialistische Paktiererei vorgeworfen wird.

Nick Brauns zog dazu vor Jahren bereits eine treffliche Analogie: „Im Sommer 1917 musste Lenin aus Russland fliehen, weil die Provisorische Regierung ihn beschuldigte, als deutscher Agent einen Aufstand zur Schwächung der russischen Front organisiert zu haben. Hintergrund des Agentenvorwurfs war die Tatsache, dass Lenin mit Hilfe des deutschen Generalstabs im plombierten Waggon aus seinem Schweizer Exil nach Russland gelangt und von der deutschen Regierung zudem mit Geld zur Herausgabe der kommunistischen Parteipresse ausgestattet worden war. Dieser Pakt zwischen dem Revolutionär und dem Kaiserreich war zulässig, da Lenin den Deutschen nie etwas anderes versprochen hatte, als entsprechend seinem Programm im Falle der Machtübernahme der Bolschewiki Russland aus dem Weltkrieg zurückzuziehen. Der Generalstab war dabei ein kurzfristiger, taktischer Partner, während die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung der strategische Verbündete der Bolschewiki blieb.“

Aber nicht anders sieht es die kurdische Freiheitsbewegung, die in gleichzeitg flexibler Bündnispolitik einer Ausnutzung der Widersprüche der Groß- und Regionalmächte zwischen taktischen Partner und ihren subalternen strategischen Verbündeten unterscheidet. Natürlich, eine ständige Gratwanderung. Nicht anders wie die, zumal seit Wegfall des Atomwaffenschirms der Sowjetunion, an Brisanz gewonnene Ausnutzung zwischenstaatlicher Interessengegensätze weltweit. Und freilich mag man die unterschiedlichen Schritte dabei im Einzelnen verschieden bewerten und verschieben sich auch die Spielräume und taktischen Optionen beständig. So hat, wie nicht zuletzt das grüne Licht für den türkischen Einmarsch in Afrin 2018 gezeigt hat, das Aufleben der Astana-Kooperation zwischen Russland, dem Iran und der Türkei das internationale Koordinatensystem verengt – auch im Verhältnis zu Damaskus. Eine Gratwanderung jedoch, die sich allerdings nicht durch heiß gestrickte Pauschaldenunziationen – á la Vorwürfe vermeintlicher Hilfskräfte oder Bodentruppen der USA resp. NATO – beantworten lässt. Zumal zwischen der kurdischen Freiheitsbewegung und der zweitgrößten NATO-Armee mit grünem Licht Washingtons und der NATO für die türkische Invasion, seit über einem halben Jahr eine umfassende Kriegsoffensive gegen die kurdische Guerilla und kurdisch geführten Streitkräfte auf Leben und Tod tobt. Da die seit einem halben Jahr andauernden massiven Luftangriffe, die Spezialoperationen, der stete Drohnenkrieg, der permanente Einsatz geächteter chemischer Kampfstoffe und der Einmarsch von Bodentruppen ohne Einverständnis der USA und westlichen Allianz schlicht nicht möglich wären, wertet die KCK (Dachverband der Union der Gemeinschaften Kurdistans) diesen Einnahmeversuch der Medya-Verteidigungsgebiete bereits seit Langem recht eindeutig: „Der laufende Angriff auf Südkurdistan ist ein NATO-Angriff, der durch die Türkei ausgeführt wird“.

Der vormals „lediglich taktische Charakter der Allianz“ mit den USA zur Niederringung des IS und Festigung der „Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyriens“ übrigens im Rahmen der territorialen Integrität Syriens (!), so nochmals Nick Brauns schon vor der Operation „Krallenblitz“ und aktuellen Angriffen auf Rojava, „zeigt sich auch daran, dass die USA bislang jede Teilnahme der PYD an den Genfer Syrien-Friedensgesprächen verhindert haben und türkische Luftangriffe auf die PKK im Irak durch nachrichtendienstliche Informationen unterstützten. Eine strategische Zusammenarbeit zwischen den USA und der kurdischen Freiheitsbewegung ist angesichts der antagonistischen Ideologien und langfristigen Ziele beider Seiten auch undenkbar.“ Ein Punkt, der auch von den kurdischen Kräften und ihren Verbündeten stets selbst unterstrichen wurde, weshalb die kurdischen Führungskräfte auch keinem ‚Verrat‘ das Wort reden. Vielmehr konstatieren diese mit robuster Nüchternheit, man habe aus taktischen Notwendigkeiten militärisch bedingt gegen den „Islamischen Staat“ und andere Djihadisten kooperiert ohne dabei das Wissen um die temporäre Punktualität, die geostrategischen Interessen und den Charakter des US-Imperialismus zu verlieren. „Es ist offensichtlich“, so die KCK jüngst neuerlich, „dass die NATO eine Institution ist, die keinerlei Legitimität hat und im Interesse des Kapitalismus in andere Länder interveniert. Sie ist ein Relikt des Kalten Krieges, das abgeschafft gehört.”

Was wiederum den Vorwurf des kurdischen Nationalismus anbelangt, so lässt er sich für Nord- und Ostsyrien schon mit einem Blick auf die TrägerInnen und die Kampffront des Selbstverwaltungs-Projekts, von KurdInnen, über AraberInnen, ArmenierInnen, JesidInnen, AssyrerInnen oder ChaldäerInnen … ausräumen. Die Türkei betreffend sei zunächst einmal erneut Lenin in Erinnerung gerufen: Gerade „die Arbeiter jener Nationen, die im Kapitalismus Unterdrücker waren, müssen besonders behutsam sein gegenüber dem Nationalgefühl der unterdrückten Nationen … sie müssen nicht nur die tatsächliche Gleichberechtigung unterstützen, sondern auch die Entwicklung von Sprache und Literatur der werktätigen Massen der früher unterdrückten Nationen fördern, um alle Spuren aus der Epoche des Kapitalismus überkommenen Misstrauens und der Entfremdung zu tilgen.“ Diese RevolutionärInnen aufgetragene besondere Behutsamkeit gilt natürlich auch schon unter kapitalistischen Verhältnissen. Und das nicht zuletzt auch, was den Vorwurf des Nationalismus an die unterdrückten Nationen generell anbelangt, sondern umso mehr noch dessen Gleichstellung mit dem Nationalismus der Unterdrücker.

Zunächst wäre in diesem Zusammenhang überhaupt die Frage zu klären, was Nationalismus ist. Der bloße Bezug auf eine Nation reicht dafür nicht hin. Zum Nationalismus wird dieser Bezug – zumindest in der Theorietradition Marx-Engels-Lenin –, erst, wenn er gegen das marxistisch-leninistische Verständnis nicht in der Theorietradition der „Zwei Kulturen“ in der nationalen „Kultur“, der „Zwei Nationen“ in der „Nation“ gefasst wird, sondern irgendwie als alle Widersprüche aufhebende „Schicksals-“, „Homogenitäts-“, oder „Volksgemeinschaft“, wobei es um die „nationale Identität“ im Kampf um „Selbstbestimmung“ nochmals komplizierter steht (was hier lediglich thetisch exponiert sei). Bzw. wenn die nationale Selbstbestimmung nicht unter gleichberechtigten Vorstellungen und im Horizont gleichberechtigter Beziehungen der Nationen gefasst wird, mit Anspruch auf Vorrechte und Privilegien gegenüber anderen Nationen, Chauvinismen, einer Rechtfertigungen von Aggressionen und Behauptung der Überlegenheit der eigenen Nation usw. Der bloße Bezug auf Nation, zumal in nationalen Befreiungskämpfen, kann jedenfalls nur gegen Marx, Engels und insbesondere nochmals Lenin als Nationalismus diskreditiert werden.

Dem entspricht auch ein unlängst zu lesender Missgriff, in dem nicht nur sämtliche Bezüge auf Nationen mit „Nationalismus“ in eins gesetzt werden, sondern zudem auch noch alle über einen Kamm geschert werden, sei es der „Nationalismus“ unterdrückter Völker wie der KurdInnen, oder der Nationalismus kapitalistischer NATO-Klassengebilde wie der Türkei oder Griechenland. Die Hegelsche Nacht in der alle Katzen schwarz sind. Lenin, und mit ihm die marxistisch-leninistische Theorie jedenfalls unterschied und unterscheidet typologisch sorgsam zwischen Nationalismen unterdrückender und unterdrückter Nationen. Während Lenin Ersteren zu Recht in Bausch und Bogen als reaktionär verdammte, gestand der Dialektiker ersten Rangs sogar Zweiterem gleichviel fortschrittliche Elemente oder Seiten zu. Noch weiter in dieser Frage unter imperialistischen Verhältnissen, ging übrigens Stalin, der – ausgehend vom objektiven Charakter dieses Widerspruchs – schrieb: „Der revolutionäre Charakter einer nationalen Bewegung unter den Verhältnissen der imperialistischen Unterdrückung setzt keinesfalls voraus, dass an der Bewegung unbedingt proletarische Elemente teilnehmen müssen, dass die Bewegung ein revolutionäres … Programm … haben muss.“ Ähnliches gilt im Übrigen schon für Marx, Engels und Lenins Parteinahme für die antinapoleonischen Befreiungskriege, in denen sie die Ideologie der Proponenten entschieden zurückwiesen, ohne darin einen Grund zu sehen, die Bewegungen in ihrem Anspruch auf nationale Befreiung zu delegitimieren.

Umso entschiedener natürlich ihre Parteinahme im Falle linker nationaler Freiheitsbewegungen unterdrückter und kolonial ausgebeuteter Völker in ihrem Kampf um Souveränität und Selbstbestimmung, in der es Lenin zufolge „unbedingte Pflicht“ eines jeden Marxisten ist, ihre Sache entschiedenst und konsequent (mit) zu verfechten.

Und das gilt nicht nur nicht minder, sondern umso mehr für die kurdische Freiheitsbewegung und die mir ihr verbündeten revolutionären Kräfte, zumal diese in ihrem verfolgten doppelten Projekt sowohl an der nationalen Befreiung Kurdistans (in Form eines sozialrevolutionären Projekts) wie am Ziel einer antikapitalistisch, teils eindeutig sozialistisch orientierten Umwälzung in der Türkei festhalten.

Wenn moniert wird, dass „auch in Österreich … diese Ansicht verbreitet“ ist – hayat böyle. Unseres Erachtens stehen zahlreichen wesentlichen Kämpfen unter der globalen politischen Lage dagegen vielmehr ein Verkennen der „ungeheuren Bedeutung der nationalen Frage“ im Sinne Lenins und im Speziellen antikurdische Ressentiments entgegen. Die Idee jedenfalls die nationale Frage in postmoderner Manier einfach „dekonstruieren“ zu wollen, oder ihr bis zum Sozialismus mit einem Nihilismus zu begegnen, in dem sie dann erst ihre „Bedeutung“ findet und ihr eine quasi automatische Lösung zuteil wird, scheint uns jedenfalls ein – sagen wir mal – eigentümlicher Wegweiser.

In gewisser Weise wiederholt sich darin – in allerdings rigoros verschärfter Weise – die berühmte Roy-Lenin-Kontroverse des II. Weltkongresses der Komintern. Als Antipode Lenins fungierte damals der junge indische Delegierte M.N. Roy, der dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen oder nationalen Unabhängigkeit der Kolonialvölker keine besondere Bedeutung erblicken konnte. Allerdings negierte Roy die Bedeutung der nationalen Frage noch nicht geradewegs. Mit dieser nochmals nihilistischen Übersteigerung der „Roy-Linie“ ist vielmehr fast exakt 100 Jahre später eine Roy-Lenin-Kontroverse 2.0 aufgeworfen.

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