Tag der indigenen Widerstände

Am Sonntag haben die Zapatistas und die Delegation des Unabhängigen Indigenen Kongress CNI und des Indigenen Regierungsrat CIG – unter ihnen Subcomandante Moisés der EZLN und Marichuy, die erste indigene Präsidentschaftskandidatin Mexikos – nach ihrem mehrwöchigen Aufenthalt Österreich verlassen und sind in die nächsten Länder aufgebrochen. Der gestrige 12. Oktober, Tag der indigenen Widerstände, unterstreicht jedoch seinerseits nochmals Bedeutung und Aktualität der indigenen Kämpfe.

Denn das Vorjahr und heurige war für indigene Aktivist:innen von zunehmenden Vertreibungen, Folter, Verschwindenlassen und Ermordungen gekennzeichnet. Egal ob Mexiko, Brasilien, Kolumbien, Honduras, Peru, Paraguay, Guatemala, Chile, Bolivien oder weitere Länder. Die Gewaltspirale gegen die Indigenas durch staatliche Militär und Spezialkräfte, Privatmilizen von Agrobusiness, extraktiven Industrien und Investoren sowie von Drogenbanden dreht sich unentwegt weiter. Nicht zuletzt im und rund um das begehrte, Profit versprechende Amazonasbecken und weitere Regenwaldgebiete Latein- und Südamerikas.

In Bolivien wiederum stellten sich am gestrigen 12. Oktober die indigenen Organisationen zusammen mit weiteren sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und der linken Regierungspartei „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS), des ersten indigenen Staatsoberhaupt Boliviens Evo Morales, den neuerlichen Destabilisierungs- und Umsturzversuchen der Rechten entgegen.

Und im Raum Pantelhó, Chiapas, haben sich nach der jüngsten Eskalation neben der indigenen Selbstverteidigungseinheit „El Machete“ zwischenzeitlich zwei weitere indigene Selbstverteidigungseinheiten gebildet. Die Eskalation der Lage ist zwar wieder ein Stück abgeebbt, aber nach wie vor weiter enorm angespannt.

In Chile wiederum stehen die traditionell linken Mapuche, eines der zehn indigenen Völker des Landes, aktuell in einem harten Kampf um mehr Autonomie, mit Todesopfern durch die Polizeieinsätze gegen ihren Protest. Die Mapuche sowie chilenische Linke und Kommunistische Partei Chiles lassen keinen Zweifel daran, wen sie für das brutale Vorgehen gegen den „Marsch für den Widerstand der Mapuche und die Autonomie der Völker“ sowie das jüngste Todesopfer verantwortlich machen: die berüchtigte, für ihre Verbrechen bekannte Militärpolizei unter dem rechtskonservativen Innenminister Rodrigo Delgado. In der Nacht (europäischer Zeit) wurde seitens der rechten Piñera-Regierung gegen angestammte Siedlungsgebiete der Mapuche im Süden Chiles zudem der Ausnahmezustand ausgerufen und Streitkräfte entsandt.

Mit rund 1,6 Millionen Angehörigen sind die Mapuche (von denen viele aufgrund des geschichtlichen Landraubs heute auch in der Hauptstadt leben) das größte indigene Volk Chiles und stellen gut 9% der Bevölkerung des Andenstaates. Das früher zusammen mit benachbarten Völkern Araukaner genannte indigene Volk, gilt als eines tapfersten und heldenhaftesten. Den gefürchteten Conquistator Alamgro schlugen sie schon in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts in die Flucht. Ihr späteres Oberhaupt Lautaro steht in der Forschung in einer Reihe mit dem Azteken Cauthemoc oder dem Maya Tupac Amaru. Sein Nachfolger Caupolicán wiederum, gilt dem einfachen chilenischen Volk bis heute als ein geschichtlicher Lieblingsheld. Der kühne Widerstand der Mapuche führte zu Beginn des 17. Jahrhunderts sogar soweit, dass Chile den Spitznamen „Spanierfriedhof“ bekam und sich Kolonialsoldaten reihenweise weigerten, in Chile zu dienen. Ihr Unabhängigkeitskampf war von einer derartigen Kraft, dass Spanien schließlich sogar das Feld räumte, sich zurückzog und anstelle seiner blutig gescheiterten Eroberungspläne um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen bat, was in der einzigartigen Stellung der Mapuche resp. Araukaner gipfelte, dass sie im 17., 18. und 19. Jahrhundert zunächst für über 300 Jahre ihre Unabhängigkeit verteidigen und bewahren konnten. Erst 1878 wurde Araukien der Republik Chile angegliedert. Allerdings währte der Kampf der Mapuche um ihre Unabhängigkeit und ihren Boden auch im Anschluss noch ein weiteres Vierteljahrhundert und hielt als Kampf um den Boden auch danach noch an, spielt im Rahmen der demokratischen Agrarreform der Unidad Popular unter Salvador Allende eine nicht zu unterschätzende Rolle und erlosch in seinen unterschiedlichen Kampfformen bis in die Gegenwart nicht. Aktuell steht ihr Kampf um mehr Selbstbestimmung, ihr Recht auf Land und gegen die soziale und ökonomische Misere erneut im Feuer.

Aber auch etwa Kanadas Kolonialgeschichte, um nur ein weiteres Beispiel anzuführen, sorgt für immer neue erschütternde Schlagzeilen zum Schicksal der rund 150.000 den Indigenas ab 1874 entrissenen Kinder und heizt die Wut der UreinwohnerInnen des nordamerikanischen Landes an.

In diesem Kontext sei abschließend zumindest auch noch daran erinnert, dass Menschen indigener Herkunft in den USA überhaupt erst seit 1924 gesetzlich anerkannte Bürger sind, obwohl sie als Native Americans den Kontinent schon über Jahrtausende besiedelt und geprägt haben. An der multiplen Diskriminierung und vielfach immer noch offenen Feindseligkeit gegen sie, hat dieser Umstand zugleich bis heute nur wenig geändert – auch wenn die Zeiten des Genozids eines Buffalo Bill heute in „Gods one country“ zurückliegen. Dementsprechend zogen zum 12. Oktober natürlich auch in den USA VertreterInnen der indigenen Völker vors Weiße Haus.

Aber auch in Wien fanden sich Indigena am Columbusplatz ein, um im Rahmen der Kampagne des Sturzes der Herrschaftssymbole und Umbenennung der zu Ehren der Conquistatores und Kolonialisten benannte Plätzen und Straßen zu fordern.

1982 wurde – allen voran von Spanien – in der UNO der Antrag gestellt, das Jahr 1992 als 500. Jubiläumsjahr der Entdeckung Amerikas durch die Spanier 1492 – sprich: 500 Jahre Eroberung des Kontinents – mit sogenannten „würdigen“ Gedenkfeiern zu begehen. Eine Eroberung die untrennbar mit dem Namen Christoph Kolumbus, aber auch mit den massenmörderischen Schlächtern Hernán Cortés und Francisco Pizarro verbunden ist.

Die indigenen Bewegungen und Organisationen haben bereits damals ihren Protest angesagt und auch die Zapatistas mit dem 500. Jahrestag der Niederschlagung der letzten widerständigen Hauptstadt des Dreierbunds der Azteken, Tenōchtitlan, gerade ein historisches Datum aus Perspektive der Indigenen dem Vergessen zu entreißen und ein Stück weit gegen den Strich zu bürsten versucht.

Ampam Karakas, damaliger Sprecher der Indigenen-Bewegung Ecuadors etwa, bezeichnete die Eroberung Lateinamerikas als bewußten Genozid, als Usurpation, gewaltsame Aneignung des Territoriums und der Rohstoffe, Zerschlagung der sozialpolitischen und kulturellen Institutionen und als ideologische Unterwerfung durch die Zerstörung der indigenen Identität.

Nach Berechnungen des amerikanischen Anthropologen Henry F. Dobnys kostete die Eroberung Amerikas und Dezimierung der autochthonen Bevölkerung über 90 Millionen Indigenen das Leben. Ein bis heute unfassbarer Genozid.

Und nach parallelen Berechnungen des amerikanischen Gelehrten DuBois, kostete der mit dem Profitstreben der imperialen Mächte gleichzeitig verflochtene Sklavenhandel den afrikanischen Kontinent 60 Millionen Menschenleben.

Zugleich wurden rigorose ethnische und soziale Diskriminierungen und Hierarchien, ein struktureller und vielfach offener Rassismus etabliert, die den Kontinent auch heute noch prägen.

Und dennoch: die Verbindung der sozialen, politischen, gewerkschaftlichen Kämpfe der Arbeitenden und die Emanzipations-Kämpfe der indigenen Gemeinschafte haben die Kraft und Potenz die kapitalistischen Herrschafts- und Machtverhältnisse, ethnischen und sozialen Hierarchien eines Tages hinwegfegen.

Kämpfen wir gemeinsam für eine Welt ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg!
Leisten wir gemeinsam Widerstand! Hoch die Internationale Solidarität!
Resistamos juntos! Alta la solidaridad internacional!

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