Müntzer, Marx und Mao – 500 Jahre Bauernkriege

„Als sich vor 500 Jahren die Bauern Mitteleuropas“ erhoben, markierte dies freilich „nicht den ersten Bauernaufstand der Geschichte“, aber fraglos stellte ihre Erhebung „die größte politische Erschütterung der frühen Neuzeit dar“, so Andreas Pittler in seinem Beitrag „Müntzer, Marx und Mao“ aus den „Mitteilungen der Klahr Gesellschaft“ zum Jubiläumsjahr der Bauernkriege. In dessen zweitem Teil gibt Pittler zugleich einen komprimierten Überflug über die progressive antikapitalistische Rolle der Bauernschaft in Asien, Afrika und Amerika und resümiert kurz ihre gesellschaftlichen resp. Potenzen und die Bedingungen erfolgreicher Erhebungen der Bauernschaft. Während der Autor sich damit in einer ungebrochenen, revolutionstheoretischen Traditionslinie des Marxismus hält, konstatierte Eric Hobsbawm in seiner „Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ für dessen zweite Hälfte demgegenüber den „Untergang des Bauerntums“ in seiner bisherigen Rolle für antikapitalistische Bewegungen. Und zwar nicht nur im Metropolenkapitalismus, sondern auch in weiten Teilen der Peripherie resp. „Dritten Welt“. Ein für Hobsbawm ebenso dramatischer wie weitreichender „Wandel, der uns für immer von der Welt der Vergangenheit getrennt hat“. Eine These, der Pittler, ohne explizit auf den großen britischen Historiker einzugehen, im von der Arbeiterbewegung angetretenen Erbe der Großen Bauernkriege und dessen historisch Unabgegoltenem und weiter Wirkmächtigem widerspricht.

Andernorts

Doch der Kampf um das alte Recht der Bauernschaft blieb bei weitem nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt. So gab es etwa in Ungarn den Aufstand des Georg Dózsa,30 der so wirkungsmächtig wurde, dass sich sogar die kommunistische Herrschaft nach 1945 auf ihn berief (so hieß etwa einer der prestigeträchtigsten Fußballklubs bis 1990 „Újpest Dózsa“). Auch Dózsa gelang, wenn auch nur kurzfristig, ein Bündnis aus Bauern und Bürgern zu schmieden, die gemeinsam unter der Herrschaft des Adels litten. Bei Cegled nahe Budapest gab sich die Bewegung ein eigenes Programm, wonach die unbedingte Souveränität des Volkes im Rahmen einer freien Republik das anzustrebende Ziel sei. Kein Mensch solle eines anderen Menschen Herr oder Knecht sein. Das Land gelte es gemeinsam zu bebauen und zu bestellen, die Früchte der Arbeit seien allen gemeinsam.31 Letztlich aber erwiesen sich die professionellen Heere des Adels einmal mehr als den ungeübten Bauern überlegen, weshalb auch Dózsas Bewegung in eine verheerende Niederlage mündete.

1573 erhoben sich schließlich unter Matija Gubec die slowenischen und kroatischen Bauern zur „Velika Punta rija“ (großer Aufstand des Bundes), die mit dem Schlachtruf „za staro pravdo“ (für das alte Recht) ebenfalls eine Ausschaltung der Feudalstrukturen anstrebten. 32 An dieser Stelle freilich wiederholte sich die Geschichte, denn auch die Bundisten wurden nach anfänglichen Erfolgen rasch von einer regulären Armee bezwungen, was abermals belegte, dass eine unorganisierte Masse von schlecht bewaffneten Zivilisten nur dann eine Chance gegen die Ordnungsmacht hat, wenn sie eine klare Strategie verfolgt, das jeweilige Terrain für sich nützt und ihre eigenen Kräfte unter Einschluss der übrigen Bevölkerung entsprechend bündelt. Dass sich die Bauern immer wieder zu offenen Feldschlachten verleiten ließen, bei denen sie der weit besser bewaffneten Militärmaschine der Obrigkeit zwangsläufig unterliegen mussten, zählt zu den tragischen Aspekten der Bewegung, aus denen noch die Partisanen des 20. Jahrhunderts ihre Lehren ziehen sollten.

Zwar gab es noch bis weit hinein ins 17. Jahrhundert weiter Bauernerhebungen (etwa jene in Oberösterreich unter Stefan Fadinger oder den niederösterreichischen Bauernaufstand von 1596), doch im Wesentlichen war der Widerstand der mitteleuropäischen Bauernschaft nach 1525 gebrochen. Dies auch deshalb, weil es den Herrschenden gelungen war, gemäß der Devise „divide et impera“ unterschiedliche soziale Bedingungen zu schaffen, wodurch die bäuerliche Einheit systematisch untergraben wurde, da etwa die freien Bauern in Tirol mit einem Mal andere Bedürfnisse hatten als die Leibeigenen im Südosten der Region. Doch entsprechend den unterschiedlichen ökonomischen Entwicklungsstufen blieb die Bauernschaft andernorts noch bis tief hinein in unsere Tage eine progressive Klasse. Als bedeutend erwiesen sich beispielsweise die Bauernaufstände im zaristischen Russland, so jener Stepan Rasins 1670,33 bei dem es sich ebenfalls um eine Reaktion auf verschärfte Zentralisierungs- und, damit verbunden, Unterdrückungsmaßnahmen handelte. Von besonderer Bedeutung war in diesem Fall, dass es zu einem Zusammenschluss leibeigener Bauern mit benachteiligten nationalen Minderheiten und devianten Religionsgemeinschaften kam, die sich gemeinsam der zaristischen Herrschaft entgegenstellten. Es gelang Rasins Truppen, die rasch auf 20.000 Kämpfer angewachsen waren, 1670 Astrachen einzunehmen, wo sie eine autonome Volksrepublik proklamierten, die egalitären Grundsätzen folgen sollte. Das Programm der Aufständischen zielte darauf ab, das Vermögen der Reichen unter allen Einwohnern aufzuteilen und ein System demokratischer Basisversammlungen und gewählten Vertretern zu etablieren. Die Leibeigenschaft sollte aufgehoben werden. Als jedoch Rasin durch Verrat von den zaritischen Truppen gefangen genommen werden konnte, implodierte die Bewegung rasch, sodass die alte Herrschaft umgehend wieder aufgerichtet werden konnte.

Wenige Jahre später kam es auf dem Gebiet der Habsburger-Monarchie zu einem neuerlichen Bauernaufstand, diesmal in Nordböhmen,34 der sich vor allem gegen die Leibeigenschaft und den Frondienstrichtete. Zwar gelang es auch hier der Amtsgewalt, letztlich die Bewegung niederzuschlagen, doch führte diese immerhin dazu, dass Leopold I. wenigstens einige Zugeständnisse hinsichtlich des Robots machte und dessen ärgste Auswüchse zumindest vorübergehend einstellte. Erwähnenswert auch noch der Aufstand des Jemeljan Pugatschow35 in Russland anno 1773, bei dem es den sibirischen Bauern gelang, sich zwei Jahrelang zu halten. Der Aufstand des Vasile Horea 1784 in Siebenbürgen36 erwies sich mit seinen Forderungen bereits als eine Art Vorbote der französischen Ereignisse fünf Jahre später.

Asien, Afrika, Amerika

Die Geschichte des Kommunismus in Asien ist ohne die progressive Rolle der Bauernschaft nicht denkbar. Ob es sich um China, Vietnam oder Kambodscha handelt, überall spielten die Bauern eine zentrale Rolle bei der Überwindung kapitalistischer Strukturen. Eine Sonderrolle nimmt dabei die Machnowschtschina in der Ukraine ein,37 wo Nestor Machno und seine Genossen versuchten, die Ideale des Anarchosyndikalismus in die gesellschaftliche Realität überzuführen. In China musste Mao Tse-tung rasch erkennen, dass eine marxistische Revolution ohne Einbeziehung der Bauernschaft zum Scheitern verurteilt war, sodass der von ihm geschaffene „Maoismus“ weit weniger eine Konzeption eines Arbeiter und Bauernstaates war als ein Bauernkommunismus unter Einbeziehung der Arbeiterschaft.38 An seinen Vorstellungen orientierten sich in der Folge auch der Vietcong von Ho Tschi Minh und, wenngleich unter mehr als fragwürdigen Vorzeichen, die Roten Khmer unter Khieu Samphan und Pol Pot sowie am afrikanischen Kontinent der äthiopische Derg unter Mengistu Haile Mariam.39

Nicht zu unterschätzen sind auch die zahlreichen Erhebungen lateinamerikanischer Campesinos von Mexiko,40 El Salvador41 oder Nicaragua,42 wenngleich diese ebenfalls bestenfalls kurzfristig von Erfolg gekrönt waren. Gleichwohl beruft sich die heutige Regierung von Nicaragua immer noch auf die Lehren Sandinos, wiewohl nicht wenige der Ansicht sind, dass sich Daniel Ortega im Lauf der letzten 50 Jahre doch recht weit von den Idealen Sandinos entfernt hat. Letztlich wäre wohl auch die kubanische Revolution ohne Einbeziehung der dortigen Bauernschaft auf Dauer ohne Erfolg geblieben. Kein Wunder also, dass sich Fidel Castro zeitlebens auf José Marti43 berief, der als erster auf dem südamerikanischen Kontinent dem Bündnis aller Unterdrückten das Wort redete.44

Nicht vergessen sollte man schließlich auf die progressiven Bauernbewegungen in Afrika, die maßgeblich dazu beitrugen, dass zumindest zeitweise einzelne Staaten des südlichen Kontinents sozialistischen Konzeptionen folgten, so namentlich Guinea-Bissau, Angola und Mozambik.45 Von besonderer Bedeutung erscheint in diesem Zusammenhang die Bewegung von Thomas Sankara in Burkina Faso,46 dessen Wirken bis in die Gegenwart nachwirkt, da Sankara Fragen aufwarf, die heute aktueller denn je erscheinen, ging es ihm doch um die internationale Schuldenkrise, die Abhängigkeit ökonomisch schwacher Länder vom Neokolonialismus, aber auch um die Rolle der Frau in postkolonialen Strukturen. Sankaras Ermordung im Alter von nur 37 Jahren erwies sich in diesem Lichte für die gesamte emanzipatorische Bewegung als fatal.

Engels zur Bauernfrage

Friedrich Engels hat sich gleich in mehreren seiner Werke mit der Bauernthematik auseinandergesetzt. Sein in Band 22 der Marx-Engels-Werke (MEW) enthaltener Aufsatz „Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland“ sorgte ein rundes Vierteljahrhundert nach ihrem erstmaligen Erscheinen 1894 insofern für heftige Debatten, als Engels in diesem Werk ganz klar den Standpunkt vertritt, dass innerhalb der Bauernschaft nur das Landproletariat und der Kleinbauer als natürlicher Verbündeter der Arbeitermassen angesehen werden könne. Diesen Ansatz machte sich Lenin zunutze, als er sein Konzept der Arbeiter- und Bauernmacht skizzierte, welches bekanntlich die Grundlage für den Sowjetstaat bilden sollte.

Im Vordergrund des Interesses an Engels’ Schriften zur Bauernfrage stand aber stets die in Band 7 der MEW enthaltene Schrift „Der deutsche Bauernkrieg“. 47 Darin ortet er eine relevante Diskrepanz zwischen dem frühkapitalistischen Boom in den deutschen Städten des beginnenden 16. Jahrhunderts einer und dem mehr und mehr ins Hintertreffen geratenden Ackerbau andererseits, wobei letzteres nicht ohne Auswirkungen auf den Feudaladel blieb, dessen Reaktion wiederum das harte Los der Bauernschaft zusätzlich verschärfte: „Die Bauernschinderei durch den Adel wurde mit jedem Jahr weiter ausgebildet. Die Leibeigenen wurden bis auf den letzten Blutstropfen ausgesogen, die Hörigen mit neuen Abgaben und Leistungen unter allerlei Vorwänden und Namen belegt. Die Fronden, Zinsen, Gülten, Laudemien, Sterbfallabgaben, Schutzgelder usw. wurden allen alten Verträgen zum Trotz willkürlich erhöht. Die Justiz wurde verweigert und verschachert, und wo der Ritter dem Gelde des Bauern sonst nicht beikommen konnte, warf er ihn ohne weiteres in den Turm und zwang ihn, sich loszukaufen.“48

Die gesellschaftliche Entwicklung, so Friedrich Engels, führte dazu, dass die in der Landwirtschaft Tätigen die umfassendste Ausbeutung erdulden mussten: „Auf dem Bauer lastete der ganze Schichtenbau der Gesellschaft.“49 Dennoch sei es lange Zeit schwierig gewesen, die Bauern zum Aufstand zu bewegen, da sie es seit Generationen gewohnt gewesen seien, sich zu unterwerfen und die Herrschaft des Adels und der Grundherren als natürlich hinzunehmen. Erst die mit der Reformation einhergehende Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse trieb nun auch die Bauernschaft dazu, den ihnen aufgezwungenen Kampf aufzunehmen.

Nach einer recht detaillierten Schilderung der diversen lokalen Aufstände in Süddeutschland, Thüringen, Österreich usw. kommt Engels gleichfalls zu einem nüchternen Resümee: „Die Bauern waren überall wieder unter die Botmäßigkeit ihrer geistlichen, adeligen oder patrizischen Herren gebracht, die Verträge, die hie und da mit ihnen abgeschlossen waren, wurden gebrochen, die bisherigen Lasten wurden vermehrt durch die enormen Brandschatzungen, die die Sieger den Besiegten auferlegten. Der großartigste Revolutionsversuch des deutschen Volks endete mit schmählicher Niederlage und verdoppeltem Druck.“50 Allerdings zieht Engels sodann einen Vergleich zur bürgerlichen Revolution von 1848 und kommt dabei zu dem Schluss, dass letztere, wiewohl kurzfristig ebenfalls gescheitert, einen anderen Ausgang nehmen werde als der Bauernaufstand, da die bürgerliche Revolution eingebettet sei in einen internationalen Klassenkampf, sodass diese nicht so enden könne wie jene von 1525. An dieser Stelle kommt wohl Marxens trefflicher Satz zur Geltung, wonach alle Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Die bürgerliche Revolution von 1848, sie wäre nicht vorstellbar ohne die Klassenkämpfe des 16. Jahrhunderts, die sozialistischen Revolutionen zwischen 1917 und 1949, sie gründen auf den Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionäre des 19. Jahrhunderts. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt freilich muss man alle progressiven Experimente der letzten 500 Jahre als gescheitert betrachten. Ob es sich nun um die Bauernkriege, die bürgerlichen Revolutionen oder die große sozialistische Oktoberrevolution handelt, in allen Fällen gelang es dem Kapitalismus, seine Gegner früher oder später doch zu besiegen. Die kommenden Generationen stehen damit vor denselben Aufgaben wie einst Thomas Müntzer, Karl Marx und Mao Tse-tung bzw. Wladimir Iljitsch Lenin. Revolutionen sind nicht länger eine Lokalangelegenheit, sie sind die Aufgabe aller unterdrückten Klassen auf dem gesamten Erdenrund.

Letztlich waren Erhebungen immer nur dort erfolgreich, wo die Bauernschaft ein tragfähiges Bündnis mit dem Proletariat eingehen konnte. Eine Lehre, die uns auch heute noch anleiten sollte. Denn die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, mag sie auch andere Formen angenommen haben, ist ob der technischen Möglichkeiten heute vielleicht umfassender denn je. Und so gilt nach wie vor, was die Bauern 1525 in Memmingen bekundeten: Der Mensch ist frei erschaffen, er darf daher niemandes Untertan sein. Der Kampf für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, er muss daher zwangsläufig weitergehen. Und die gescheiterten Versuche der Vergangenheit dienen uns dabei als Lehr- und Anschauungsmaterial, um es beim nächsten Mal besser, das heißt erfolgreicher machen zu können.

Anmerkungen:

30/ Siehe dazu Laszlo Gereb: Die ungarischen

Bauernkriege. Budapest 1950.

31/ Pittler/Verdel: Traum, S. 33.

32/ Grafenauer: Boj za staro pravdo.

33/ A. P. Tschapygin: Stepan Rasin. Berlin 1953.

34/ Siehe Jaroslav Čechura: Selské rebelie roku

1680. Prag 2001.

35/ Siehe Alexander Puschkin: Die Haupt –

manns tochter. Berlin 1973, S. 321ff.

36/ Siehe Mircea Muresan: Horea. Bukarest 1984.

37 Pittler/Verdel: Traum, S. 139–151.

38/ Siehe u.a. Mao Tse-tung: Über die richtige

Behandlung der Widersprüche im Volk. Peking

1978, S. 35–48.

39/ Siehe Andrzej Bartnicki/Joanna M. Niecko:

Geschichte Äthiopiens. Berlin 1978, S. 752–775.

40/ Siehe Michael Forster: Pancho Villa, der

Rebell von Mexiko. Gütersloh 1973; Markus

Kampkötter: Emiliano Zapata, vom Bauernführer

zur Legende. Münster 2003.

41/ Jorge A. Gomez: Farabundo Marti. Leben,

Werk und Zeit des großen salvadorianischen

Revolutionärs. Berlin 1985.

42/ Frank Niess: Sandino, der General der

Unterdrückten. Köln 1989.

43/ siehe dazu die entsprechenden Abschnitte

in Fidel Castro: Mein Leben. Berlin 2008.

44/ Kurt Schnelle: José Marti. Apostel des freien

Amerika. Köln 1981.

45/ Pittler/Verdel: Traum, S. 189–208.

46/ Ebd., S. 216–226.

47/ Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg,

in: MEW, Bd. 7. Berlin 1983, S. 327–413.

48/ Ebd., S. 333f.

49/ Ebd., S. 339.

50/ Ebd., S. 409.

Ähnliche Beiträge

Gefällt dir dieser Beitrag?

Via Facebook teilen
Via Twitter teilen
Via E-Mail teilen
Via Pinterest teilen