Wie schon in Teil III im Zusammenhang mit Karl Liebknechts Antizipation der sprunghaften Entwicklungen der „Mordtechnik“ bis zu einem Punkt der theoretischen Möglichkeit einer „Selbstvernichtung des Menschgeschlechts“ kurz angedeutet, war es zunächst Friedrich Engels, der den Stand der neuen Waffentechnik und Kriegstechnologie Ende des 19. Jh. und dem seit der Boulangerkrise 1888 in der internationalen Arbeiter:innenbewegung befürchteten Ausbruch eines „Weltkriegs“ vertieft reflektierte – und vor diesem Hintergrund zu seinem Lebensende hin das Denken zu Krieg- und Frieden nochmals weiter vorantrieb. Parallel zu Engels Denkanstrengung angesichts des Horrors eines drohenden Weltkriegs, kam erschwerend zugleich der Opportunismus auf, der bis heute lehrreiche Kontroverseren und Auseinandersetzungen hervorrief, die sich mit dem Sündenfall der führenden Sozialdemokratie und Gewerkschafen im Ersten Weltkrieg nochmals weiter eklatierte.
Alptraum und Horror Weltkrieg
Entsprechend befürchtete Friedrich Engels angesichts des zunehmenden und sich gegenseitig hochschaukelnden Wettrüstens der kapitalistischen Metropolen und der aufziehenden Weltkriegsgefahr, seit spätestens 1887 – in damaliger Sprechweise – den „großen Krieg“ und sah in ihm die ‚größtmögliche Katastrophe‘ für die Arbeiterschaft und internationale Arbeiter:innenbewegung.
Allen voran freilich, indes nicht nur, wegen des millionenfachen Todes und millionenfachen Verkrüppelungen, der „Greuel, Brutalitäten, Leiden und Qualen“ (Lenin) und Verheerungen, sondern auch weil, so Engels, die Bedingungen erfolgreicher Klassenkämpfe – in der sozialen Frage, demokratiepolitisch, im Verteilungskonflikt … – und der weitere Aufstieg der sozialistischen Arbeiter:innenbewegung vom Frieden, vom Friedenserhalt nach außen abhingen. Wohingegen ein großer zwischenimperialistischer Krieg – neben Tod, Leid und grauenhaften Verheerungen – mit einem Aufschwung nationalistischer, militaristischer, rassistischer und imperialistischer Kräfte einhergehen und die sozialistische Weltbewegung zurückwerfen würde – „zehnmal schlimmer“ als in der Restaurations-Periode nach 1815.
Natürlich wären sozialistische Revolutionen in den kapitalistischen Kernländern, die dem Weltkrieg zuvorkämen, der ultimative Hebel die Weltkriegsgefahr zu bannen (und zwar dauerhaft und letztlich endgültig). Sozialistische Umwälzungen lassen sich indes nicht einfach von heute auf morgen ins Werk setzen, wie schon die marxistischen Klassiker nur zu gut wussten.
Als Marxens Schwiegersohn und führende französische Sozialist Paul Lafargue die revolutionären Aussichten proletarischer Revolution hervorgehend aus solch „großem Krieg“ theoretisierte, schrieb ihm Engels 1889 schroff abweisend: „Was einen Krieg betrifft, so ist er für mich die schrecklichste aller Möglichkeiten.“ Schilderte im Anschluss nochmals seine eindringlichen, bereits 1887 geschriebenen und 1888 in einer Einleitung zu Sigismund Borkheims Broschüre „Zur Erinnerung an die deutschen Mordspatrioten. 1806–1807“ skizzierten grauenhaften Verheerungen eines solchen „großen Kriegs“ auf dem neuesten Stand der Waffentechnik und dessen weltkriegerisches Völkergemetzel und endete scharf: „Und alles dies gegen die geringe Chance, dass aus diesem erbitterten Krieg eine Revolution hervorgeht – das entsetzt mich.“
Nun war sich auch Engels über die in eine derartige „Tragödie“ beinhalteten Möglichkeiten im Klaren, dass eine derartige Katastrophe eines Weltkriegs eine Revolution nach sich ziehen könnte (zur detaillierten Entwicklung der Engels’schen Denkbewegung von 1887 bis 1889 vgl. die einschlägigen Arbeiten Georg Fülberths). Allerdings war Engels diese „geringe“ oder auch ‚wahrscheinliche‘ „Chance“ keinesfalls den Preis eines „Weltkriegs“ wert. Sprich den Preis eines „Weltkrieg(s) von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen … Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahren …“, stärker noch: der „eine noch nie dagewesene Verwüstung mit sich bringen“ würde. Engels war über das vor diesem Hintergrund für ihn verwilderte Denken Lafargues regelrecht außer sich.
„Kann Europa abrüsten?“ – Friedrich Engels Denkeinsatz einer speziellen friedenspolitischen Strategie der Arbeiter:innenbewegung als Gegenwartsaufgabe
Lediglich vier Jahre später, 1893, sah sich die sozialdemokratische Reichstagsfraktion dann bereits einer Militärvorlage der Regierung gegenüber, die alle bisherige Aufrüstung in den Schatten stellte. August Bebel bat Engels um Argumentationshilfe für die Debatte, der hierauf die die Artikelserie „Kann Europa abrüsten?“ verfasste, in welcher er in seinen Überlegungen über das natürlich prinzipielle Nein der Sozialdemokratie zur Heeresvorlage hinausging.
In dieser schlug er angesichts des drohenden „Verwüstungskrieg(s), wie die Welt noch keinen gesehn“ (nicht zuletzt aufgrund des sich immer weiter hochschaukelnden Rüstungswettlaufs der europäischen Großmächte) eine konsequente „Abrüstung(spolitik)“ und die Ersetzung der stehenden Heere durch Milizen vor (die Staaten blieben dadurch verteidigungs-, aber nicht mehr angriffsfähig, worin sich der konkrete friedenspolitischer Zielpunkt als strukturelle Nichtangriffsfähigkeit identifizieren lässt).
In dieser achtteiligen Artikelserie dokumentiert sich, in Reflexion der veränderten Verhältnisse, unzweifelhaft eine generelle Fortentwicklung der Anschauungen Engels‘. Die seinerzeitige Arbeiter:innenbewegung (vgl. die 1889 gegründete II. Internationale) nahm einesteils freilich eine prinzipiell-antimilitaristische Haltung ein (Militarismus als Resultat des „permanenten – offenen und latenten – Kriegszustandes“) und stand konsequent gegen die „Übel“ von Militarismus, Aufrüstung und Kriegsvorbereitung. Dies aber zunächst noch in einer sozus. „heroischen Illusion“: „Sozialismus oder Krieg“ – und der Erhaltung des Friedens als damit zugleich ausschließlicher Sache der Arbeiter:innenbewegung, sowie ohne spezielle friedenspolitische Strategie.
Der Sozialismus, so beispielhaft die Inauguraladresse der I. Internationale von 1864, sei das „einzige Mittel“ um die „furchtbare Katastrophe eines Weltkriegs“ „abzuwenden“; alle anderen, „welche dem Krieg ein Ende machen wollen“, hätten folglich die „Pflicht, sich der internationalen Sozialdemokratie als der einzigen wirklichen und grundsätzlichen Friedenspartei anzuschließen“.
Engels votierte vor dem Hintergrund der veränderten Verhältnisse in gleichsam realpolitischer Weiterentwicklung seines Denkens demgegenüber nun für eine differenziertere und aktuell wirkungsvollere Abrüstungs- und Friedenspolitik als das Diktum „Sozialismus oder Krieg“ – mit Zwischenschritten und in Zusammenarbeit mit bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten (1889 erschien Bertha von Suttners „Die Waffen nieder!“, ein gutes Jahrzehnt darauf stifte Alfred Nobel den nach ihm benannten Friedensnobelpreis). In eins damit zeichnete Engels Abrüstung, bis hin zu Überlegungen zur Rüstungskontrolle, und Friedenserhalt politisch als unmittelbare Gegenwartsaufgaben aus.
Die zur unmittelbaren Gegenwartsaufgabe erhobene Abrüstung und die Friedensfrage sind für Engels sonach zugleich auch breiter als nur eine Frage der Arbeiterschaft (die damals auch noch vielfach eine gesellschaftliche Minderheit verkörperte), eine Frage von der nicht nur die Arbeiter:innenbewegung betroffen ist – obschon es ihm freilich um eine auf dem Proletariat als historischem Subjekt bzw. sozialer Hauptkraft basierenden oder aufruhenden und fest in den Institutionen der Arbereiter:innenbewegung verankerten wie hegemonial von der Partei geführten Antikriegsbewegung zu tun war. Dass (revolutionäre) Partei(en) und Gewerkschaften die ihrer Klassenfunktion nachkommen darin – in’s Heute formuliert – nicht nur deutlicher als andere Mitstreiter:innen für Frieden die gesellschaftlichen Ursachen von Rüstung und Krieg ins Blickfeld rücken, sondern darin unter tiefgreifenderer Perspektive auch nach Wegen der Öffnung einer postkapitalistischen, sozialistischen Perspektive streben, war und wäre für Engels natürlich selbstredend.
Notwendige modale und ontologische Differenzierungen in der Anstrengung des Begriffs
Aber, so lässt sich fragen, trägt denn der Kapitalismus den Krieg nicht in sich, wie die Wolke den Regen – wie es der einen Tag vor Beginn des Ersten Weltkriegs noch kurzerhand ermordete Jean Jaurès später so bildlich formuliert hat? Darüber war sich Engels als Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus natürlich ebenso im Klaren, der zusammen mit Marx ja gerade den unstillbaren Drang des Kapitals nach Profit und Expansion, dessen wesensimmanente Aggressivität und Expansivität wissenschaftlich herausgearbeitet hat.
Allerdings ist dahingehend zugleich begriffliche Genauigkeit nötig, modale Differenzierung unabdingbar. Die dem Kapitalismus/Imperialismus immanent eingeschriebene Aggressivität ist als dessen Wesenseigenschaft modal zunächst eine Eigenschaft. Militärische Aggressionen bezeichnen demgegenüber jeweils eine Handlung, eine Aktion, eine realisierte Fortsetzung der Politik mit den Mitteln militärischer Gewalt. „In beiden“, so Siegfried Freick in der marxistischen Imperialismusdiskussion präzisierend, „geht es um die Anwendung von Gewalt …, im ersteren um angestrebte, im letzeren um realisierte.“ Und obschon „Eigenschaft und Handlung [Realisation] mitunter [oder vielfach] nahtlos ineinander übergehen, sollte doch deutlich unterschieden werden: Aggressivität ist der Drang nach Anwendung von [militärischer, ökonomischer, geheimdienstlicher, …] Gewalt, die Aggression die tatsächliche Gewaltanwendung selbst.“
Letztere basiert sonach immer auch auf entsprechenden Bedingungen – was im Umkehrschluss impliziert, dass das „Wirken bestimmter [andersgearteter] Bedingungen [im zumindest Einzelnen-Konkreten] verhindern (kann), dass sich Aggressivität in Aggression realisiert“, realisieren kann. Die ‚Übersetzung‘ der dem Kapitalismus/Imperialismus eingeschriebenen Aggressivität in die sozus. handfeste militärische Aggression bedarf denn auch der politischen Vermittlung, ist mithin mehr als ein bloßer blinder Reflex im politischen Überbau. Oder in anderen Worten: politische Bestrebungen und Entscheidungen führender politischer Kräfte und maßgeblicher Gruppen des Kapitals zu Aufrüstung, Kriegsvorbereitung und Krieg stehen immer auch im Wirkungsfeld mit politischen Gegenkräften und gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen bzw. Klassenkräfteverhältnissen.
Freilich gibt es diesbezüglich nicht den geringsten Grund für Illusionen hinsichtlich realer Machtverhältnisse und der realen machtpolitischen Verfasstheit des Kapitalismus. Noch absonderlicher wäre es, dem Kapitalismus fälschlich Attribute anzuhalluzinieren, die er nicht besitzt. Ein „friedfertiger“ Kapitalismus ist allemal eine Contradictio in Adjecto. Er kann allenfalls zum Frieden gezwungen werden. Und auch dies ist seit Ende des Kalten Krieges und Wegfall seines Antidots nicht mehr gelungen. Aber ohne die akzentuierte ontologische Differenzierung im Rücken, wäre auch dies ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen und verkümmerte eine spezifische friedenspolitische Agenda der Arbeiter:innenbewegung generell zum bloßen Glasperlenspiel.
Das Aufkommen des Opportunismus und die emblematische Zetkin-Heine-Debatte
Zeitgleich mit dem Horror eines drohenden Weltkriegs fällt – nicht zuletzt verknüpft mit dem Namen Eduard Bernstein –, wie bereits eingangs erwähnt geschichtlich ebenso das Aufkommen des Revisionismus und Opportunismus zusammen, der schließlich zum historischen Sündenfall der führenden Sozialdemokratie führte. Bernstein und der rechte Flügel der seinerzeit international führenden, deutschen Arbeiterpartei wollten allen voran koalieren und dahingehend auch für die Aufrüstungs- und Kriegsvorbereitungs-Parteien bündnisfähig bleiben. Die Arbeiter:innenbewegung solle zur Auf- und Hochrüstung daher indifferent bleiben – am besten resp. mindestens schweigen oder sich gar offen in den nationalen Aufrüstungs- und Kriegsvorbereitungskurs einreihen.
Geradezu emblematisch für diesen Zusammenhang – auch im Blick auf heutige Debatten und Politiken – vermag die seinerzeitige Kontroverse zwischen Clara Zetikin und dem SPD-Reichstagsabgeordneten Wolfgang Heine zu stehen. Heine, späterer vehementer Fürsprecher der Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg und nach diesem infolge seiner Staatsraison mit dem Posten des preußischen Innenministers belohnt, sprach auf dem Stuttgarter Parteitag der SPD 1898 einer „Kompensationspolitik“ das Wort, worunter er ein Tauschgeschäft mit den Herrschenden: „Kanonen für Volksrechte“ verstand. Mit anderen Worten, so Ingar Solty jüngst: „Wenn die Herrschenden sich bereit erklärten, soziale Zugeständnisse an die Arbeiterklasse zu machen, würden Sozialdemokraten im Gegenzug … der geplanten – mit einer russischen Bedrohung gerechtfertigten – Aufrüstung zustimmen.“
Clara Zetkin wendete sich scharf gegen Heine und den rechten Parteiflügel: die „Kompensationspolitik“ war für sie schmähliche „Schacherpolitik“ und führe – auch im Wahlkampf und der parteilichen, gewerkschaftlichen wie massenmedial vermittelten Öffentlichkeit – zu einer „De-Thematisierung“ (Solty) der Friedenspolitik. Die Haltung der Befürworter:innen der „Kompensationspolitik“ und Anpassungspolitik an die Herrschenden gipfeln für Zetkin im Skandalon, „dass es Militärforderungen gibt, für die die Arbeiterklasse indifferent sein“ solle, wie die „Frage der Anschaffung neuer Geschütze“ – sprich: der imperialistischen Auf- und Hochrüstung und Kriegsvorbereitung.
Nein! schleuderte ihnen Zetkin entgegen, selbst wenn man dadurch gleichsam zum Paria gestempelt wird, es gibt Fragestellungen und Problemfelder – und die Kriegs-Friedens-Frage (der „Rüstungswahnsinn“, die Kriegsvorbereitung und die „Eroberungstollheit“, Zetkin) ist unzweifelhaft eine davon, zu der man keinesfalls schweigen darf und könne.
Dass die Frage in der Gegenwart, unter nochmals historisch verändertem politischem Koordinatensystem, geradezu als Nadelöhr von Regierungsbeteiligungen Karriere gemacht hat, durch das man gehen oder sich zwängen muss, macht die Lage nicht weniger sprenggeladen. Während also etwa die Forderung nach Millionärssteuern, auch kräftigen – sofern die Herrschenden rechnen können, dass man damit garantiert scheitert –, einen zunächst nichts desto trotz politisch bündnisfähig und ministrabel belassen, gilt der Standpunkt einer Anti-Aufrüstungs-Politik und konsequenten Friedenspolitik für’s herrschende Establishment als schlicht inakzeptabel, ja als mindestens „staatspolitisch verantwortungslos“, wenn nicht überhaupt als „XYZ-Versteherei“ am Rande des Hochverrats. Über diese Hürde – die die Sozialdemokratie freilich schon lange hinter sich gelassen hat – muss also gesprungen werden. Und man fühlt sich diesbezüglich heute unwillkürlich an den berühmten Ausspruch „Hic Rhodus, hic salta!“ der Fabel Äsop’s erinnert, mit dem bloßen aber entscheidenden Unterschied, dass von Gewerkschaftsspitzen, über eine gewisse Linke bis zu jenen, die sich in ihrer Rolle und Funktion überhaupt als Teil der nationalen politischen Elite begreifen (was neben SP-Spitzen und Oliv-Grünen freilich ebenso für die gewerkschaftlichen Repräsentant:innen des sozialpartnerschaftlichen Herrschaftsmechanismus gilt) tatsächlich wie im Flohzirkus gesprungen wird.
Zurück zur seinerzeitigen Kontroverse und Weichenstellung. Die skizzierte Auseinandersetzung schwelte weiter. Als sich die Auseinandersetzung um Aufrüstung und Kriegsvorbereitung 1910 wiederholte, charakterisierte Zetkin die damit verknüpfte „Budgetfrage“ zur ‚Gretchenfrage‘. Allem voran antimilitaristisch und friedenspolitisch, zugleich aber auch Verteilungspolitisch (Stichwort: „Kanonen statt Butter“) und ebenso bereits mit Blick auf den später unter dem Begriff Militärisch-industrielle Komplex gefassten Sektor, der auch heute der Gesellschaft und Akkumulation erneut immer stärker den Stempel aufdrückt. Die „steigenden Rüstungen“, so Zetkin, „schaffen“ zu „Kriegsgefahr und Kriege(n)“ zudem „reichlich zinsende Kapitalanlagen für die ausbeutenden Klassen“, „die Geld ohne Ekel aus einer Kloake und ohne Entsetzen aus einem Blutmeer aufheben“.
Die Antikriegsresolutionen und Verpflichtungen der Kongresse der II. Internationale in Stuttgart (1907) und Basel (1912)
Der Internationale Sozialistenkongress in Stuttgart 1907 – an dem ebenso die Gewerkschaftsführer involviert waren – verabschiedete zuvor denn auch noch die (über die je nationalen Optionen hinausgehende) Orientierung für die sozialistische Weltbewegung (aus der Feder Lenins, Rosa Luxemburgs und Julius O. Martows), in der sich die internationale Arbeiter:innenbewegung darauf festlegte, einen imperialistischen Weltkrieg unter Aufbietung sämtlicher entsprechenden Mittel sowie durch den internationalen Generalstreik in allen beteiligten Ländern zu verhindern. Mehr noch …:
„Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind in den beteiligten Ländern die Arbeiter und ihre parlamentarischen Vertreter verpflichtet, alles aufzubieten, um den Ausbruch des Krieges durch Anwendung entsprechender Mittel zu verhindern, …
Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, sind sie verpflichtet, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, um die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufrüttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen.“
Der Internationale Kongress in Basel 1912 bekräftige am unmittelbaren Vorabend des Ersten Weltkriegs diese „Pflichten“ nochmals nachdrücklich und legte aufgrund der immer schärferen Drohungen und Mobilisierungsmaßnahmen der Habsburgermonarchie gegen Serbien zugleich der österreichischen Sozialdemokratie eine besondere Verantwortung auf. Nämlich, ihre Aktionen „gegen einen Angriff der Donaumonarchie auf Serbien mit aller Kraft fortzusetzen“. Besondere Aufgabe der sozialdemokratischen Parteien Österreichs, Ungarns, Kroatiens und Bosniens sei es entsprechend, sich mit aller Kraft dem Plan Wiens zu widersetzen, Serbien „in eine Kolonie Österreichs zu verwandeln und um dynastischer Interessen willen die Völker Österreich-Ungarns selbst und mit ihnen alle Nationen Europas in die größten Gefahren zu verstricken.“
Bloße 2 Jahre drauf, im August1914 erfolgte dann bekanntlich der große Sündenfall: die Zustimmung zu den Kriegskrediten – ja teils direkte Unterstützung der imperialistischen Kriegspolitik – und die gewerkschaftliche „Burgfriedenpolitik“.
Weltkrieg, Sozialchauvinismus, gewerkschaftliche Burgfriedenpolitik und die kleine Schar der Aufrechten
Eine – neben den österreichischen ‚Zimmerwälder:innen‘ – löbliche Ausnahme bildete in Österreich bekanntlich Friedrich Adler, der auch den Charakter des Krieges von Anfang an durchschaute und die sozialchauvinistische „Lüge“ der „Vaterlandsverteidigung“ und den „verächtlichen Vorwand“ des „Antizarismus“ (gegenden „moskowitischen Todfeind der mitteleuropäischen Kultur“) schroff zurückwies und scharf entgegentrat – und aus Protest gegen die schmähliche „Preisgebung der Idee des Antimilitarismus und Internationalismus“, die er als nicht weniger denn die „Preisgebung der gesamten Idee der Bewegung“ anprangerte, seine Funktionen als Parteisekretär und Redakteurtheoretischen Organs der Sozialdemokratie „Der Kampf“ zurücklegte.
In unmissverständlichen Worten Tacheles redend, schätzte er den Ersten Weltkrieg und die prinzipielle imperialistischen Kriegsgefahr zutreffend ein: „Die Ziele in diesem Kriege sind Ziele der herrschenden Klassen“, diese „stehen im Kriege um die Teilung der Erde, kämpfen um die Beherrschung der Welt“. Unter der „Herrschaft imperialistischer Unterdrückungspläne“ werde die Welt „immer der Gefahr des Krieges ausgesetzt sein“.
Für das garsozialchauvinistische Gerede, „dass jedes Proletariat die Imperialisten seines Landes unterstützen soll, um den Kriegsgewinn zu steigern, an dem es partizipiert“, wiederum, könne man nur „Verachtung“ empfinden. Vielmehr befürwortete in den Worten „Unsere Methode heißt nicht Krieg, sondern Revolution“ dagegen ausdrücklich die Losung vom „Hauptfeind im eigenen Land“. Die Aufgabe proletarischer Internationalisten sei es sonach, „in erster Linie im eigenen Lande das Proletariat zur Erkenntnis der Notwendigkeit der sozialistischen Bewegung zu bringen“. Das Wort „Revolution“ statt „Bewegung“, „das er zweifellos damit meinte, ließ Friedrich Adler“, wie Hans Hautmann dazu zu Recht kommentierte, „aus welchen Gründen immer, an dieser Stelle ungesagt.“
Ohne über die politischen Schwächen der um Friedrich Adler gescharten Kriegslinken (wie etwa Leopold Winarsky, Max Adler, Robert Danneberg, Therese Schlesinger, Gabriele Proft), allen voran ihrer inkonsequenten, kompromisslerischvermittelnden Position und ihrer realen Abstandnahme von der notwendigen Agitation in der Arbeiterschaft, unter möglichen Mitstreiter:innen anderer Couleurs und Massenaktionen gegen den Krieg, hinwegzugehen, verkörperten die Kriegslinken gleichviel den einen kleinen Nukleus an Aufrechten. Den Aufgaben oder Anforderungen der Beschlüsse der beiden Antik-Kriegs-Kongresse der II. Internationale in Stuttgart (1907) und Basel (1912), im Falle des Kriegsausbruchs Arbeiterschaft und Volkschichten aufzurütteln, stellte sich indes einzig die vorerst sehr kleine Gruppe der Linksradikalen oder besser: der Linksopposition unter Führung von Franz Koritschoner, Anna Strömer, Leopold Kulcsar, Max Lazarowitsch und Leo Pjatigorski, die zugleich versuchten „Friedrich Adler und seine Anhänger zu einer entschiedeneren Opposition, zu illegaler Arbeit und zur Kontaktaufnahme mit der Arbeiterschaft in den Betrieben zu bewegen“ (Hans Hautmann) als Kern jener Aufrechten, die die Beschlüsse von Stuttgart und Basel in die Tat umzusetzen trachteten – während die führende österreichische Sozialdemokratie und Führung der Gewerschaftsbewegung in die Burgfriedenspolitikeinschwenkten. Entsprechend rief denn auch die Reichsgewerkschaftskommission am 8. August (4 Tage nach der schmachvollen Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten in Deutschland und 2 Tage nach der darauffolgenden Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Russland) die gewerkschaftlichen Vertrauensmänner in Österreich auf, Streiks jeder Art für die gesamte Kriegsdauer zu unterlassen und die kriegsbehördlichen Verfügungen genauestens zu beachten bzw. sich devot in die Kriegswirtschaft einzufügen. So sollte, mit Frank Deppe gesprochen, „für die Dauer des Krieges jeglicher Klassenkampf unterbleiben mit dem Ziel, die beste militärische Schlagkraft zu erreichen“.
Historische Zeiten der „Vorkriegsära“
Die in der Gegenwart ausgerufene „Zeitenwende“ erinnert in vielen Facetten, wenngleich man sich freilich nicht in Analogien verlieren sollte, frappant an die gewaltige Aufrüstungswelle in den Vorkriegsära von 1910 – 1914. Auch damals forcierten die kapitalistischen Kernländer und Mächte über den Zeitraum von vier Jahren ihre Hochrüstung nochmals ins unermessliche, bevor es dann ins Völkergemetzel um imperialistische Interessen und Ansprüche ging. Dasselbe ist ebenso für die nicht minder frappanten Parallelen in den Debatten und Auseinandersetzungen um Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit, der Militarisierung der internationalen Beziehungen, unterschwelliger der Koalitionsfähigkeiten (sofern man sich nicht überhaupt schon in einer Rolle und Funktion als Teil der nationalen politischen Elite begreift und selbst nicht bereits seinesteils Aufrüstungs- und Kriegsvorbereitungs-Partei ist) und dem Geschwätz der „Vaterlandsverteidigung“ sowie damit einhergehenden Positionierungen zu konstatieren. Allerdings mit dem Unterschied, dass in einem neuen großen heißen Krieg von (zumindest) Europa nicht viel mehr bleiben würde als eine radioaktiv strahlende Trümmer- und Ruinenlandschaft. Dergestalt wiederholt sich in der heutigen, bis an resp. über die Schwelle der apokalyptischen Gemeingefährlichkeit reichenden politischen Lage erneut der Lackmustest für die Arbeiterbewegung, Gewerkschaften, die Linke und Friedensbewegung.





