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Ein Wochenende der Solidarität

solidaritätBericht von Nadir Aykut und Helmuth Fellner

Seit August 2013 streiken die ArbeiterInnen von PUNTO, einer Leder- und Pelzfabrik in Zeytinburnu/Istanbul nunmehr. Bereits seit über 540 Tagen stehen die Luftfahrtbeschäftigten des größten Istanbuler Flughafens, benannt nach Kemal Atatürk, schon im Streik. Die internationale Solidarität sowie die Notwendigkeit, aus Kämpfen der internationalen Arbeiterklasse zu lernen, waren Grund genug für KOMintern, um sich auf den Weg nach İstanbul zu machen.

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Rede von KOMintern-Aktivist Helmuth Fellner
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Freitag, den 21. November, flogen wır gemeınsam mıt Zeynel Altun in die türkische Metropole. Am Flughafen wurden wir vom Sekretär der LederarbeiterInnengewerkschaft DERI-IŞ herzlich empfangen und genossen anschließend dıe Gastfreundschaft seıner Familie. Bis in die frühen Morgenstunden unterhielten wir uns. Es wurde viel gelacht, trotz der ernsten Aussprache über den Streik der ArbeiterInnen bei PUNTO und die allgemeınen Probleme der ArbeiterInnen der weitverzweigten Leder- und Pelzverarbeitungsindustrie in der heutigen Türkei unter der Herrschaft von Erdoğan und seiner reaktionären AKP-Parteı, dıe alles – auch die Betriebe und die Gewerkschaften unter ihre Kontrolle bringen will. Zu den hartnäckigen Kämpfen der türkischen Arbeiterklasse ist in jüngster Zeit noch eıne neue Form von Lohndumpıng hinzugekommen: Flüchtlinge aus Syrien werden sehr häufig dort eingesetzt, wo die ArbeıterInnen um ihr Recht kämpfen, und arbeiten häufig – vor allem im Osten der Türkei – um einen Bruchteil des von den türkischen und kurdischen ArbeiterInnen erkämpften Lohnes.

Samstag, den 22. November, war ein Tag der Solidarität mit den streikenden ArbeiterInnen des PUNTO-Konzerns, der auch mit internationalen Aktionen ın zahlreıchen Städten in Frankreıch, Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz usw. unterstützt wurde. KOMintern beteiligte sıch an Aktionen in Innsbruck und Wien. Zunächst wurden wir in der neuen Zentrale von DERI-IŞ in Tuzla vom Vorsitzenden Musa Servi empfangen. In Aussprachen mit ihm, dem Organisationssekretär Hasen Ulusan und dem Regionalsekretär von Tuzla, Binali Tay, wurden wir über die jüngste Entwicklung bei PUNTO und auch darüber informiert, wie mit Hilfe eines neuen Gewerkschaftsgesetzes seitens der AKP-Partei Erdoğans versucht wird, die Gewerkschaften allgemein zu kontrollieren, aber vor allem fortschrittliche Gewerkschaften wie die 1948 gegründete DERI-IŞ unter einen reaktionären, von der Regierung kontrollierten Gewerkschaftsdachverband zu zwingen.

Der erste Höhepunkt dieses Tages, dem noch viele weitere folgen sollten, war ein Besuch bei und eine Aussprache mit den streikenden PUNTO-ArbeiterInnen. Seit 1912 versuchen diese einne Gewerkschaft und damit eine Art Betriebsrat im Betrieb aufzubauen. Der “Patron”, also der Betriebsinhaber, entließ zunächst die beiden “Rädelsführer” des gewerkschaftlichen Kampfes und setzte die ArbeiterInnen unter Druck, ihre Unterschrift für die Gewerkschaft DERI-IŞ zurückzuziehen. Weitere Entlassungen folgten. Die Antwort der ArbeiterInnen hieß Streik.

Als wir beim ersten mit Fahnen der Gewerkschaften und Transparenten geschmückten Streikposten ankamn, wurden wir mit lauten Sprechchören und herzlichen Umarmungen empfangen. Die Sprechchöre lockten nicht nur die Arbeitgeber von PUNTO, sondern auch jene der umliegenden Lederfabriken mit finsteren Gesichtern vor die Türen. In kurzen Ansprachen betonten wir die Solidarität von KOMintern.

Wir konnten hautnah miterleben, wie den kämpfenden ArbeiterInnen Solidarität gut tut. Immerhin haben sie für die Organisierung ihrer KollegInnen ihren Arbeitsplatz, ihre ganze Existenz aufs Spiel gesetzt. Wir konnten auch die Anerkennung, welche die Gewerkschaftsführung, die bei jeder Gelegenheit vor Ort ist und die ArbeiterInnen unterstützt, bei diesen ArbeiterInnen genießt, deutlich erkennen.

Im Anschluss daran begaben wir uns zum Atatürk-Flughafen, wo die Gewerkschaft HAVA- IŞ und die von ihr vertretenen ArbeitnehmerInnen seit fast 550 Tagen (!) im Streik ist. Wir wurden in einem der Zelte der Streikposten zu Tee und einer Aussprache mit Mitgliedern des Streik-Komitees gebeten. Atilla Aycin, Vorsitzender der Gewerkschaft HAVA- IŞ, welche die FlughafenarbeiterInnen, aber auch das Boden- und Flugpersonal der Turkish Airlines vertritt, erzählte, dass der jetzige Streik sich vor allem daran entzündet hatte, dass über 300 Werktätige, vor allem aktive GewerkschafterInnen, entlassen worden waren, weil sie das von der Regierung verhängte Streikverbot am Flughafen missachteten. Die Probleme der hohen Belastungen und der langen Arbeitszeiten des Flug- und Bodenpersonals sowie zahlreiche andere Verletzungen der arbeitsrechtlichen Bestimmungen bestehen nach wie vor. Obwohl Turkish Airlines damit wirbt, 2012 erneut zur besten europäischen Fluglinie gewählt worden zu sein, fliegen deren Flugzeuge ständig mit irgendwelchen Ausnahme-Genehmigungen.

Trotz einer noch nicht erzielten Vereinbarung mit den Unternehmen kämpft HAVA- IŞ weiter für die Forderungen der ArbeitnehmerInnen. Obwohl die Entlassenen bei den Arbeitsgerichten in allen Belangen recht bekamen und auch ihre arbeitsrechtlichen und finanziellen Ansprüche erhalten müssen, sollen sie nicht mehr wieder angestellt werden, weil sie das Streikverbot missachtet hatten. Am 7. und 8. Dezember steht HAVA- IŞ eine große Belastungsprobe bevor. In einer Vollversammlung am Flughafenwerden die GewerkschaftsvertreterInnen neu gewählt. Nach türkischem Arbeitsrecht vertritt jene Gewerkschaftsliste, welche die meisten Stimmen erhält allein die Interessen der ArbeitnehmerInnen, während unterlegene Listen “aus dem Rennen” sind. Mit Hilfe der Regierung und der AKP-Partei lancierten die Unternehmensführungen des Flughafens und der Turkish Airlines eine gelbe Gewerkschaftsliste, die allerdings leider auch von sogenannten “Linken” Unterstützung erhält. Doch die GewerkschafterInnen von HAVA- IŞ sind zuversichtlich, dass sie auch diesen Kampf gewinnen werden.

Dass langwierige Arbeits- und Streikkämpfe der Leder- und TextilarbeiterInnen durchaus erfolgreich durchgefochten werden können, haben in jüngster Vergangenheit Erfolge beim Schuhkonzern DESA und einer großen Textilfirma, die Hemden für Schweizer Luxusmarken herstellt, gezeigt.

Höhepunkt des Tages war jedoch ohne Zweifel der Solidaritätsabend im Kulturzentrum der Gemeinde Zeytinburnu mit Hunderten von TeinehmerInnen, dessen Erlös den Streikenden zugute kam. Ein Abend voll Musik, Ansprachen, Sprechchören, Tanz, Freude und Kampfeslust. Die kämpferische Stimmung, die sich durch das mehrstündige Programm zog, überbot alles, was man als Österreicher gewohnt ist, haushoch. Jede Ansprache, ob vom Vorsitzenden der Gewerkschaft DERI-IŞ oder besonders kämpferisch von einer Vertreterin des Streikkomitees, deren Auftreten mit Kopftuch so gar nicht in das allgemeine linke Klischee passte, wurde von Sprechchören unterbrochen. Bei den Liedern der unterschiedlichsten Kulturgruppen sang der ganze Saal mit. Als die unterschiedlichen Streikgruppen mit Fahnen, Transparenten und Sprechchören in den Saal einzog, kochte der Saal. Als gelernter Österreicher kann einem solch eine kämpferische Stimmung sehr viel Kraft für die eigenen Kämpfe geben.

Auch die Solidaritätsansprachen von Helmuth Fellner und Zeynel Altun fanden kämpferische Zustimmung, Nadır Aykuts kultureller Beitrag, zwei Lieder und ein eigens geschriebene hochpolitische Gedicht wurde mit überschwenglichem Beifall und stehenden Ovationen bedacht. Der Abend klang für uns spät, bestens bewirtet von der Familie des Vorsitzenden der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, mit Diskussionen über Klassentheorie, die Wichtigkeit der Verknüpfung sozialer und nationaler Fragen (schließlich sind ein großer Teil der kämpferischen AktivistInnen kurdischer und alevitischer Abstammung) und vielen Scherzen aus.

Samstag, den 23. November, begaben wir uns auf den Taksim-Platz, der in den letzten Monaten zum Synonym für den vielfältigen Kampf gegen Erdoğan und sein faschistoides AKP-Regime geworden war. Jeden Samstag pünktlich um 12 Uhr demonstrieren vor einem Gymnasium in dessen unmittelbarer Nähe die sogenannten Samstags-Mütter, weil sie nach wie vor nichts über den Verbleib ihrer im Zuge der Demonstrationen festgenommenen und seither verschwundenen Töchter und Söhne wissen. Auch ihnen überbrachten wir unsere Solidarität. Anschließende politische Diskussionen konnten auf Grund des strahlenden Wetters auf der Dachterrasse eines Cafes im Zentrum von Galata geführt werden.

Am Abend begaben wir uns nach Gazi, wo wir die überschwengliche kurdische Gastfreundschaft der Familie Altun genossen. Gazi ist – so kann man fast sagen – eine Art “befreites” Gebiet, mit linken Plakaten, nicht zuletzt von Partizan, und Parolen an allen Häuserwänden. In allen Kämpfen in der türkischen Metropole und darüber hinaus haben die Menschen von Gazi eine entscheidende Rolle gespielt. In den 80er-Jahren wurden die Wohngebiete gegen Polizei und Militär – großteils erfolgreich – verteidigt, allerdings bezahlten die Menschen von Gazi dies mit einem hohen Blutzoll. Bei den jüngsten Kämpfen um den Gezi-Park und am Taksim-Platz zogen Kolonnen von zehntausenden Bewohnerinnen von Gazi über die Autobahn, die sie dabei blockierten, ins Zentrum von Istanbul. In so einer Umgebung, bei solchen Menschen kann man sich nur wohlfühlen und politische Kraft tanken. Und man kann aus den Kämpfen der kurdischen, türkischen und alevitischen ArbeiterInnen für eigene Aktivitäten und Kämpfe lernen ! Auch in diesem Sinne danke für dieses Wochende der Solidarität!